Buchempfehlung: Die Radleys – Ein Vampirroman von Matt Haig

Heute empfehlen wir: Die Radleys – Ein Vampirroman von Matt Haig (Rowohlt Verlag – noch einmal ein großes Dankeschön für das Rezensionsexemplar!). Wir vergeben für den Roman 4 von 5 Sternen – mitreißend und gefühlvoll, toll geschrieben. Einzig an die sehr kurzen Szenen muss man sich zunächst gewöhnen. Macht aber nichts, Die Radleys ist absolut lesenswert!

Die Radleys. Foto: Alexa Coletta

Die Radleys – das ist die vierköpfige Familie um Vater Peter, Mutter Helen und die beiden Teenager Clara und Rowan. Die Familie lebt in einem Reihenhaus im englischen Bishopthorpe, Helen ist Mitglied im dortigen Lesekreis und Peter ist Arzt. Obwohl die Radleys bei Nachbarn und Bekannten durchaus beliebt sind, gibt es dann und wann kleine Hinweise darauf, dass mit ihnen doch etwas nicht ganz so normal sein kann, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Die Kinder sind ständig schwach und kränklich (dagegen soll helfen: jeden Tag Hustensaft), Rowan plagt seit Kindertagen ein nicht besser werdender Ausschlag (Sonnenmilch mit LSF 60 ist hier das Allheilmittel) und auch die Eltern werden geplagt von Antriebslosigkeit und Kopfschmerz (hiergegen soll Ibuprofen das beste Mittel sein). Außerdem weigert Peter sich partout, beim Golfen mitzumachen, bekommt einen Hustenanfall, als er den mit Knoblauch gewürzten Salat seiner Nachbarin Lorna probiert und dass beim Umbau des Hauses der Nachbarn mehr Schatten auf den Garten der Radleys fallen wird, scheint den Familienvater sogar überglücklich zu stimmen. Als Clara der fleischhaltigen Ernährung, die ihre Eltern ihr empfehlen, abschwört und unter die Veganer geht, fängt das etwa einwöchige Szenario im Hause Radley, dem wir während des Romans beiwohnen dürfen, erst so richtig an. Clara, fast immer von Übelkeit geplagt, wird auf einer Schulparty von Stuart Harper belästigt. Ihren vampirischen Instinkten folgend wehrt sie sich auf eine Art, die Stuart tötet. Peter versichert, die Leiche des Jungen verschwinden zu lassen, sodass die Polizei die Tochter nicht des Mordes verdächtigt. Nun findet die Polizei die Leiche aber doch und schnell wird klar, dass die Familie Radley Hilfe braucht um Clara zu schützen. Hilfe, die ausgerechnet von Peters Bruder Will kommen soll („Nein, ich habe keine Geschwister, ich bin Einzelkind“, hatte Peter stets beteuert), der ein berüchtigter und umso blutrünstigerer Vampir ist. Aber so einfach, wie Helen und Peter, bekennende Abstinenzler (also Vampire, die ohne Blut leben und sich deswegen „fleischhaltig“ ernähren), sich die Rettung durch Will vorgestellt haben, scheint es nicht zu sein, die Polizei von Claras Unschuld zu überzeugen. Denn die Unnamed Predator Unit aus Manchester ist der vampirischen Familie schon auf der Spur…

Die Ereignisse überschlagen sich – die Nachbarn misstrauen den Radleys, wundern sich über den mysteriösen Camper, der plötzlich vor dem Haus der Radleys parkt, Will taucht plötzlich alleine bei Helen auf und die Ehe der Nachbarn Felt scheint plötzlich auch wieder perfekt zu sein. Doch wie hängt das alles zusammen?

Die Radleys sind „eine ganz normale Familie“ – so zumindest verspricht es der Buchrücken. Dass es sich bei dem Roman von Matt Haig aber keinesfalls um einen normalen Vampirroman handelt, lässt sich schon nach den ersten Seiten erkennen: Der Leser begleitet die Familie Radley von Freitag bis Montag (plus „Wenige Nächte später“) in kurzen, eine bis drei Seiten langen Szenen, die abwechselnd durch die Augen der verschiedenen Charaktere verfasst sind. In die dadurch permanent wechselnden Sichtweisen, Schauplätze und Zeitsprünge muss man sich zwar zunächst einlesen. Aber bereits nach wenigen Seiten (etwa 20-50) erfährt der Roman durch die kurzen Einblicke in das Seelenleben verschiedener Personen (einfach genial, jeder Charakter kann in seinen Eigenarten, Wünschen und Ängsten verstanden werden!) eine Schnelllebigkeit, von der die ganze Story lebt. Einmal in den Sog der Radleys gezogen, kann man sie einfach nicht mehr aus der Hand legen. Nicht zuletzt liegt das auch am freien und lockeren Stil von Matt Haig, der seiner vampirischen Familie einen liebevollen Charme zu verleihen versteht.

Auch hinter der Fassade einer Bilderbuchfamilie, wie man sie sich nicht besser vorstellen könnte, lauern Geheimnisse, wie sie dunkler nicht sein könnten. Schon das Cover der rororo-Ausgabe zeigt eine Reihe Einfamilienhäuser, die alle gleich aussehen. Außer eines, das der Radleys. Es ist nicht grau, sondern rot. Die Fenster sind nicht eckig, sondern rund. Und die Tür ist nicht geradlinig, sondern sargförmig. Und auch das Kleinstadttum, wie es von Haig beschrieben wird, die Hänseleien wegen des Aussehens der Radley-Kinder, die schiefen Blicke, wenn Peter nicht golfen möchte, all das verdeutlicht Misstrauen gegenüber dem Anderen, dem Unbekannten.

Dass Die Radleys kein gewöhnlicher Vampirroman à la Love-Triangle sind, wie es im Moment sehr in Mode ist, wird durch die Handlung eindeutig. Obwohl sich auch hier zwei Männer in eine Frau verlieben, nimmt der Roman hier eine vollkommen andere Wendung, in einer Form, in der die Liebe differenziert wird in Gebundenheit und Gefühl. Aber dass Haig die letzte Szene des Romans dennoch ganz allein dem für die Menschen wohl wichtigsten Thema, der Liebe, widmet, verleiht seinem Werk zuletzt noch einen unglaublichen Glanz.

Die Radleys – ein ungewöhnlicher Vampirroman: aufregend, schnell, dicht und furios. Und auf keinen Fall ein romantischer Roman, sondern viel liebevoller, tiefgehender und mitreißender. Denn ist es nicht genau so, wie Haig es selbst beschreibt? Nämlich dass die Wahrheit genau das ist, was die Leute glauben wollen. Und wenn es die Charaktere einer englischen Kleinstadt sind, die für einige Tage zum Leben erwachen und den Leser mitnehmen in ihre schaurig-schöne Welt.


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