Geschichte: Speed-Dating mit einem Vampir

Speed-Dating mit einem Vampir

Alena & Alexa Coletta

 

Wütend klappe ich den Taschenspiegel zu und stopfe ihn in meine Handtasche. Verflucht. Hätte Helena nicht gestern Abend einen aussichtsreichen Kandidaten für ihr persönliches happily ever after aufgegabelt, müsste ich jetzt nicht hier stehen.

„Du, Camilla, ich habe eine Idee“, hatte sie gesagt, und dass bei einer solchen Einleitung nichts Gutes folgen kann, weiß ich aus langjähriger Erfahrung in einer WG mit meiner besten Freundin. Und tatsächlich: „Willst du nicht für mich zum Speed-Dating gehen?“

Nein, eigentlich nicht, aber wie kann man Helena Duchamp einen Wunsch abschlagen, wenn ihre samtigen, schokoladenbraunen Augen einen bittend anschauen?

„Du wirst so viel Spaß haben, Süße!“, hatte sie augenzwinkernd verkündet, bevor sie mich zu dieser Tortur verdonnerte. Wirklich? Werde ich so viel Spaß haben? Oder hat das alles hier doch eher damit zu tun, dass meine Freundin Helena es endlich wissen will. Ob ich auf Männer stehe, meine ich. Es will einfach nicht in den Kopf einer grazienhaften Gestalt wie Helena, dass eine Frau nicht in regelmäßigen Abständen einen Mann zum Anbeißen mit nach Hause bringt. Wenn ich einsfünfundsiebzig groß wäre, mit einer Figur wie Helena, einer glänzenden pechschwarzen Mähne – vielleicht würde ich es dann auch nicht verstehen. Ich bin aber keine geheimnisvolle, betörend schöne Erscheinung. Ich bin – süß. Ich bin ein bisschen zu klein, ein bisschen zu kurvig (so bezeichne ich es jedenfalls), ein bisschen zu blond. Mit Locken, die tun, was sie wollen. Wenn ich die Augen ein wenig zukneife und mich selbst im gedämpften Licht der Damentoilette verführerisch anlächle, sehe ich fast ein bisschen nach Marilyn aus. Okay, fast. Wenn das bloß mal irgendwer wertschätzen würde. Aber Männer stehen wohl auf die Helenas dieser Welt. Find dich damit ab, Camilla!

Nun stehe ich jedenfalls in der Damentoilette der Bar, deren Adresse mir Helena genannt hat, und starre mich selbst im Spiegel an. Gleich nachdem ich den ersten Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, war ein jäher Anflug von Panik über mich gekommen und anstatt durch das Foyer direkt die Bar zu betreten, trugen meine Füße mich quasi-automatisch auf direktem Wege zur Damentoilette. Mittlerweile habe ich mich seit fast – ach, verdammt, schon? – zwanzig Minuten hier verbarrikadiert und traue mich nicht nach draußen. Obwohl es sicherlich noch viel peinlicher sein wird, als Allerletzte aufzukreuzen und beim Reinkommen die Blicke der Anderen im Nacken zu spüren. Wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen? Verdammt! Los jetzt! Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel reiße ich mich zusammen und betrete die Bar.

Fünf kleine Tische für jeweils zwei Personen stehen dort, das Licht ist gedämpft, und Kerzenschein sorgt für die nötige romantische Stimmung. Jedenfalls ist es wohl so gedacht. Alle sind schon da und ich bin offenbar zu spät. Wo bin ich hier bloß hinein geraten? Ein Haufen Verzweifelter, die offenbar keine andere Möglichkeit wissen, um die Frau oder den Mann ihres Lebens zu finden. Und dann sind sie auch noch solche Streber. Sitzen beim Gongschlag auf ihrem Platz, lächelnd. Verstohlen blicke ich mich noch einmal um. Offenbar sind meine Leidensgenossen nicht nur Streber, sondern auch noch Nerds. Was ist das hier? Eine Versammlung von Fantasy-Liebhabern im Gothic-Outfit? Ich schlucke. Alle tragen schwarz. Alle. Sogar die Damen. Schwarze Cocktailkleider, und die weniger Eleganten schwarze T-Shirts. Ich schaue an mir selbst hinunter. Ich trage einen knallroten Rock und eine weiße Bluse mit roten Tupfen. Ein Anflug von Panik breitet sich in mir aus und für den Bruchteil einer Sekunde erwäge ich ernsthaft, auf dem roten Lack-Absatz Kehrt zu machen, doch da schwebt schon der Dating Angel auf mich zu. So nennt man wohl die Dame, die uns hier beaufsichtigt. Wie ein Engel sieht sie nicht gerade aus, eher wie eine Fee. Sie hat fliederfarbenes Haar, den unglaublichsten Lidstrich und ist von Kopf bis Fuß in Mintgrün gekleidet. Ich bekomme eine so genannte Sympathiekarte, auf der ich vermerken soll, wen ich wiedersehen will und wen nicht. Wenn ich mir die versteinerten Gesichter so anschaue (Sie ist zu spät! Steinigt sie!), würde ich am liebsten gleich eine Antipathiekarte daraus machen und „Nein, danke!“ darauf kritzeln. Aber Miss Engel-Fee sieht nicht so aus, als versteht sie Spaß, und so haste ich auf den letzten freien Platz.

***

#1 – Adonis / Carlos

Ich sehe mich Adonis gegenüber. Er kann lächeln. Wahrscheinlich ist mir mein Zuspätkommen vergeben. Zumindest von ihm.

„Hi“, sagt Adonis, „ich bin Carlos.“ Noch immer lächelt er. Seine Zähne sind so weiß, dass sie mich fast blenden.

„Camilla“, sage ich.

„Süßer Nickname“, antwortet er. Oh verdammt, sollten wir Nicknames verwenden? Verflucht. Bedeutet das, dass ich meinen echten Namen morgen ändern muss? Falls ich ihn wiedersehen möchte wüsste er ja, dass ich beim Speed-Dating meinen wirklichen Namen verwendet habe, und… Aber was tue ich hier. Ich soll Carlos, den Adonis, kennen lernen, und nicht mein alltägliches Drama im Kopf durchspielen.

„Was willst du trinken?“, fragt Carlos. Seine Haut hat die Farbe von Latte Macchiato und seine Augen sind so schwarz wie sein Haar. Sie erinnern mich an Sommernächte und Flamenco.

„Latin Lover“, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken.

Carlos grinst. Seine Zähne sind wirklich sehr weiß. Und groß. Und irgendwie spitz. Aber er ist sexy! Und macht mich fürchterlich nervös. Glücklicherweise bringt die Kellnerin in dem Moment den Cocktail und um mich zu beruhigen nehme ich sofort einen großen Schluck. Der Geschmack von Zitrusfrüchten und Tequila breitet sich in meinem Mund aus. Ich fühle mich schon besser.

Carlos Augen funkeln mich an wie die Glut eines schwelenden Feuers. Meine Knie werden ein wenig weich während er mich anstarrt, und ich fühle mich, als wolle er in meine Gedanken eindringen, so intensiv ist sein Blick. Ich wünschte, ich wäre Sookie Stackhouse und könnte Gedanken lesen. Außer natürlich, wenn er ein Vampir wäre, denn dann könnte ich auch als Sookie Stackhouse seine Gedanken nicht lesen. Ich werde ein wenig nervös. Seine Haut ist makellos, und ich kann an ihm keinen einzigen Fehler entdecken. Gar keinen. Und seine Zähne sind wirklich zu weiß. Und zu spitz.

„Wir sollen uns ja kennen lernen“, werfe ich schließlich ein. „Erzähl mir etwas über dich.“

„Ich will nicht erzählen“, haucht Carlos, „ich will fühlen.“ Und mit diesen Worten, die einem Helden aus einem Groschenroman würdig gewesen wären, ergreift er meine Hand. Ich unterdrücke einen überraschten Aufschrei. Was ist nur los mit Adonis? Trotz der Glut in seinen Augen und den feurigen Blicken, die er mir zuwirft, ist seine Hand eiskalt.

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Kommentar: Der Typ macht mir Angst. So sexy kann ein normaler Mann nicht sein. Er erscheint ja fast – makellos! Und seine Zähne sind spitz, was nie etwas Gutes bedeuten kann, das hat schon meine Mutter immer gesagt.

***

#2 – Der Surfer-Typ / Sex on the Beach / Brett (im Ernst?)

„Und, meine Schöne, wie heißt du?“, fragt der durchtrainiert aussehende Blonde.

„Camilla“, antworte ich – verflucht, schon wieder, was ist so schwer daran, sich einen Nickname einfallen zu lassen?

Er blickt mir tiefer in die Augen, als es ein Mann jemals zuvor getan hat, Adonis eingeschlossen. Das hätte ich dem Bübchen mit seiner struppigen Surferfrisur und dem betont gleichgültigen Look überhaupt nicht zugetraut.

„Ich bin Brett“, sagt der Blonde und grinst verführerisch. Äh – Brett? „Das ist eine Anspielung auf meine große Leidenschaft, das Surfen“, erklärt er, nachdem sich mein Gedanke wahrscheinlich auf meinem Gesicht widergespiegelt hat. Und ich dachte die ganze Zeit, Brett wäre eine Anspielung auf seine körperlichen Reize. Okay, hab’s jetzt auch kapiert. Konzentrier dich mal, Camilla!

Die Kellnerin bringt den Sex on the Beach, den ich bestellt habe. Brett trinkt etwas, das sich Blue Ocean nennt. Finde ich klischeehaft. Ich nehme einen großen Schluck, während Brett beginnt, von der perfekten Welle zu erzählen. Er kommt so richtig in Fahrt. Er beschreibt mir bis ins kleinste Detail, wo er gewesen ist, dass die Wellen auf Hawaii etwas ganz Besonderes sind, aber die vor Südafrika auch nicht schlecht. Brett liebt Strände. Er hat eine Liste der hundert sehenswertesten Strände gemacht und achtundsiebzig davon schon erkundet. Zusätzlich zu den vierundvierzig der fünfzig besten Surf Spots, die er bereits besucht hat. Wie alt ist der Kerl, zweihundert? Entweder, er ist so aktiv, dass man ihn als manisch bezeichnen könnte, oder er ist unsterblich, altert aber nicht, was beides beängstigend wäre. Ersteres, weil es eben einfach beängstigend wäre, und letzteres, weil es absurd ist, sich ein unsterbliches Wesen – einen Vampir etwa – auf einem Surfboard vorzustellen.

Brett erzählt indessen munter weiter, und ich trinke in der gleichen Geschwindigkeit. Nach etwa einem dreiviertel Glas bringe ich den Mut auf, Brett zu unterbrechen.

„Wo du schon so viele Strände kennst – hast du jemals…“ Und ich werfe einen vielsagenden Blick auf meinen Cocktail mit dem eindeutigen Namen.

„Du meinst“, beginnt Brett, schaut mich dann aber verwirrt an, „am Strand Cocktails getrunken?“

Mehr Sex on the Beach, aber schnell!

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Kommentar: Sollte ich jemals Sex an einem der hundert sehenswertesten Strände dieser Welt haben wollen, werde ich ihn mit jemand anders haben, vielen Dank.

***

#3 – Hugo

„Darf ich mich vorstellen: Hugo“, sagt der nächste Kandidat, und dabei fällt ihm eine braune Locke in die Stirn. Er macht eine kleine Verbeugung, was im Sitzen nicht so recht gelingt. Ich bin leicht irritiert, muss aber lachen. „Wie bist du denn darauf gekommen?“, frage ich. Hugo nickt in Richtung meines Cocktails, den er mir offenbar schon bestellt hat. Was will er mir damit sagen?

„Na, Ihr Getränk“, sagt Hugo.

„Was ist damit?“ Hä?

„Das was Sie da trinken, schöne Dame, nennt sich Hugo. Ich habe davon reden gehört, dass es recht in Mode sein soll diesen Sommer.“

„Ich habe noch nie von ‚Hugo’ gehört“, gebe ich zu. „Aber“, sage ich dann und nehme einen Schluck, der eigentlich viel zu groß ist, um als gesellschaftsfähig zu gelten, „mir schmeckt er.“

Hugo lächelt mich an, fast huldvoll. „Sie tranken soeben sehr anmutig“, verkündet er.

„Findest du?“ Ich muss lachen, warum, weiß ich auch nicht so genau. Ich sollte langsamer trinken. Hugo blickt mich verwirrt an, bevor sein Gesichtsausdruck ernst wird. Keine Ahnung, ob ich ihn gekränkt habe, oder ob er unter Stimmungsschwankungen leidet, oder ob er womöglich auch schon zu viel getrunken hat und deswegen seinen Gesichtsausdruck nicht mehr völlig unter Kontrolle hat.

„Sie erinnern mich ein wenig an meine verstorbene Schwester Amalia“, sagt er schließlich. Ich verschlucke mich fast an Hugo (dem Cocktail). Was ist hier bloß los? Adonis ist so makellos, dass er einfach nur eine übernatürliche Erscheinung sein kann, Brett-der-niemals-Sex-on-the-Beach-hatte hat mehr erlebt, als in ein Menschenleben passt, und Hugo redet, als stamme er original aus dem achtzehnten Jahrhundert. Er ist mittlerweile dazu übergegangen, die Vorzüge seiner verstorbenen Schwester Amalia zu preisen. Ich sterbe vor Langeweile. Hätte ich nicht mein iPhone dabei, ich würde im wahrsten Sinne des Wortes zugrunde gehen, hier und jetzt. Glücklicherweise habe ich aber mein iPhone dabei, und während Hugo wenig Notiz von mir nimmt, so sehr zieht ihn die Erinnerung an die verstorbene Amalia in ihren Bann, tippe ich eine Nachricht an Helena. Inhaltsgemäß, nur nicht in ganz so netten Worten, frage ich, was zum Teufel hier los ist. Prompt kommt die Antwort: „Ich vergaß zu erwähnen: Ist ’ne Mottoveranstaltung.“ Und zu welchem Motto, bitte schön?! „Interview mit einem Vampir.“ Aha. Deshalb führen die sich alle so auf und machen einen auf unsterblich und unnahbar? „Tun alle nur so, als wären sie Vampire, oder halten sie Ausschau nach echten Vampiren?“, schreibe ich zurück. „Sei nicht albern. Niemand glaubt an Vampire.“

Ach nein? Vorsichtig luge ich zu den beiden Tischen hinüber, die mich noch erwarten. Den letzten Kerl kann ich bis auf ein Stück schwarzen Kapuzenpulli nicht sehen, die Sicht ist versperrt. Aber am nächsten Tisch sitzt die Reinkarnation von Graf Dracula, das schwöre ich. Na wenn das mal kein Möchtegern-Vampir ist.

Leicht schwankend stehe ich auf und trenne mich von Hugo (dem echten und dem Cocktail).

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Kommentar: Ich steh nicht so auf Holunderblütensirup. Nächstes Mal lieber wieder Aperol Sprizz statt Hugo.

***

#4 – Ein weißer Russe

Sitze nun bei Graf Dracula am Tisch und blicke ihm tief in die großen, grauen Augen. Der Typ sieht wirklich aus wie Dracula. Jedenfalls so, wie ich mir Dracula vorstelle. Seine Haut ist so weiß, dass ich mich ernsthaft frage, ob der Mann jemals einem Sonnenstrahl begegnet ist. Nur seine Lippen haben Farbe – blutrot, um klischeehaft zu bleiben – und sein von einigen silbrig glänzenden grauen Strähnen durchzogenes schwarzes Haar hat er zu einer Tolle gebürstet, die Elvis neidisch gemacht hätte.

Dracula stellt sich vor; er heißt Vlad (ob in Wirklichkeit oder nur für heute Abend weiß ich nicht) und kommt auch nicht aus Transsilvanien, sondern aus Moskau. Ein Russe also. Ein weißhäutiger Russe. Ich kichere und bestelle einen White Russian, was Dracula ein mildes Lächeln abringt. Ich stelle mich als Camilla vor (Camilla in Wirklichkeit und auch für heute Abend).

„Was machst du so, Camilla?“, fragt Mr. Dracula a.k.a Vlad.

Mein White Russian kommt und ich bewundere kurz das Sahnehäubchen oben drauf, bevor ich es mit einem großen Schluck vernichte. „Ich bin Studentin“, sage ich dann. Um mich herum dreht sich die Welt ein wenig. Oh je, ich bediene heute auch jedes Klischee. Eine kleine, etwas zu blonde, etwas zu süße, betrunkene Studentin, die ein bisschen nach Marilyn aussieht. Wenn man die Augen so ein bisschen zusammenkneift.

„Was studierst du?“, fragt Vlad. Er rollt das R. Sexy.

„Im Moment? Männer.“

Er lacht als wäre das der Witz des Jahrhunderts. Er hat dieses dreckige Lachen, das die russischen Bösewichter in Hollywood-Filmen auszeichnet. Und dabei fällt mir auf – was ist heute eigentlich los mit mir? Schon wieder die Zähne?! Aber sie sehen doch außergewöhnlich lang und spitz aus, besonders die Eckzähne. Aber weiter im Text. Konzentrier dich, Camilla!

Ich schiebe das Cocktailglas weg – ist sowieso nicht ganz mein Fall – und versuche, interessiert auszusehen.

„Und was tust du, Vlad?“, frage ich.

„Ich bin Friseur“, erwidert er mit seinem entzückenden rollenden R. Das erklärt immerhin die Haartolle, widerspricht aber allen anderen Schubladen, in die ich ihn gesteckt habe. Vielleicht sind seine Eckzähne doch nicht so spitz. Und vielleicht ist er auch gar nicht so blass, sondern trägt nur Puder oder so.

„Erzähl mir doch etwas von dir, Camilla.“

Um Himmels Willen. Sofort schnappe ich mir den White Russian und nehme einen großen Schluck. Igitt, pappig süß.

„Etwas von mir erzählen“, beginne ich dann, „also das ist kompliziert…“ Was soll ich ihm bloß erzählen? Wenn Dracula hier wüsste, dass… Aber halt, ich muss mich beherrschen. Langsamer trinken. Nichts ausplaudern.

„Studierst du gerne?“, fragt er.

„Es steht ein wenig konträr zu meinem Lebensrhythmus“, gebe ich zu. „Ich bin eine ziemliche Nachteule.“

„Wie kommt es, dass ein süßes Mädchen wie du noch auf der Suche ist nach dem richtigen Mann?“

„Ach, na ja, vielleicht habe ich Angst…“

„Angst wovor?“

„Vor meiner eigenen Leidenschaft?“, philosophiere ich, kullere mit den Augen und beiße mir auf die Unterlippe. Ich habe das vor dem Spiegel geübt. Ich sehe dabei ganz besonders süß aus.

Und es funktioniert: Vlads Augen leuchten. Er ergreift meine Hand. „Lass mich deine Leidenschaft wecken!“, ruft er aus, und auf seinen blutleeren Wangen bilden sich vor Aufregung rote Flecken. Uagh. Abartig. Zum Glück verkündet Miss Engel-Fee in dem Moment das Ende der vorletzten Runde.

„Ich bin entzückt“, sagt Vlad zum Abschied.

„Und ich betrunken“, erwidere ich.

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Kommentar: White Russian ist zu sahnig. Nächstes Mal lieber Black Russian versuchen.

***

#5 – OMG!

Mir steht der Mund offen, und als es mir bewusst wird, schließe ich ihn schnell wieder. Wieso musste ich diese vier Nieten über mich ergehen lassen, wenn der Volltreffer doch die ganze Zeit über hier gesessen hat? Andererseits macht die Tatsache, dass das Erdulden der ganzen Tortur sich am Ende doch auszahlt, die ganze Sache ein wenig erträglicher.

Denn vor mir sitzt der perfekte Mann.

Den schwarzen Pullover, den er vorhin noch getragen hat, hat er ausgezogen und trägt nun nur noch ein weißes Shirt, unter dem sich seine Muskeln abzeichnen. Wir sind zwei Lichtpunkte am Ende zweier Reihen schwarz gekleideter Personen.

Sein Haar ist dunkelblond, fast golden, und er hat warme, bernsteinfarbene Augen. Er hat warme, bernsteinfarbene Augen, die im Licht wie flüssiger Honig aussehen. Die Coolness eines Hollister Models geht von ihm aus, und wenn man auf so was steht, ist er einfach nur perfekt. Ich stehe auf so was.

Ein betörender Duft geht von ihm aus, süß und zugleich herb. Ich scheine ihn mit all meinen Sinnen zu erfassen und plötzlich ist da dieses Verlangen in mir –

Halt, Camilla, beruhige dich! Hätte ich bloß nicht so viel getrunken, denn nun ist es mit der Selbstbeherrschung nicht mehr weit her. Vielleicht sollte ich lieber nicht seinen Geruch einatmen, sonst kann ich für nichts garantieren.

„Ich bin Julian“, sagt er.

„Camilla“, bringe ich mit trockenem Mund hervor. Und in dem Moment passiert es. Als hätten sie ein Eigenleben – okay, sie haben ein Eigenleben – treten – klick – meine Fänge hervor. Zack, sind sie draußen. Oh, F**K.

***

#27 (die Anzahl an Typen, die wegen oben genannten Malheurs kein zweites Date wollten)

Ich gebe ein erschrockenes Wimmern von mir und schlage die Hand vor den Mund. Der perfekte Julian starrt mich an. Seine wunderschönen honigfarbenen Augen werden groß und rund. Ich werde mir der Stille um mich herum bewusst. Alle starren uns an.

Da springt das Mädchen am Tisch neben mir auf. „Was denn, sie ist der Vampir?“, ruft sie und deutet auf mich, funkelt aber Dracula wütend an. Der lächelt nur leicht verlegen und zieht es vor zu schweigen.

Carlos, der Adonis ganz vorn am ersten Tisch, springt auf. Mit einem Anflug von Panik ergreift er die Hand seines gegenwärtigen Dates und sie stürmen nach draußen, Hals über Kopf. Miss Engel-Fee stürzt herbei und blickt verwirrt in die Runde.

„Was ist hier los?“, fragt sie. Ich versuche, so unwissend und unschuldig auszusehen, wie es mir in meinem betrunkenen Zustand möglich ist. Die Fänge erleichtern diese Übung aber nicht gerade. Manchmal hat man diese Dinger einfach nicht unter Kontrolle. Verdammt, Camilla. Hätte ich doch bloß einen Cocktail weniger getrunken, oder zwei. Der White Russian hat sowieso nicht geschmeckt. Aber mal ganz ehrlich: diese Veranstaltung hier hat mich doch praktisch dazu gezwungen. Diese Nerds, diese Typen, die denken, sie bepudern sich mal eben und sehen dann aus wie blutleere Vamps.

„Sie“, sagt Draculas Date in dem Moment und deutet mit zitterndem Zeigefinger auf mich. Ich verdecke mit der rechten Hand noch immer meinen Mund, mit der linken versuche ich, gegen die spitzen Eckzähne zu drücken. Die müssen wieder rein, sofort. Es ist dabei wenig förderlich, dass der perfekte Julian mich noch immer ausgiebig mustert mit seinen Augen, die wie flüssiger Honig über mich gleiten, und dass er dabei so verflucht lecker riecht, ist gerade verdammt noch mal nicht gut.

Unter den Anderen ist ein Raunen entstanden, und eine unangenehme Unruhe macht sich breit.

„Wer ist welcher Vampir?“, fragt der Engel.

„Sie ist der Vampir, weswegen das Ganze hier Interview mit einem Vampir heißt, stimmt’s?“

Engel-Fee blickt mich an. Dann das Mädchen. Dann in die Runde. Sie hebt feierlich die Arme. „Aber, aber. Hier ist doch heute jeder Vampir. Wie wir wissen, gibt es natürlich keine echten Vampire – “

„Aber schauen Sie doch!“, Dracula-Girlie wird nun hysterisch. „Sie hat Reißzähne! Wie ein TIGER!“

Der türkisfarbene Dating Angel wirkt ein wenig verärgert darüber, dass man oder frau ihr ins Wort fällt. „Ich glaube, wir beruhigen uns jetzt alle“, versucht Engel-Fee zu retten, was zu retten ist. „Wir sind sowieso am Schluss, am besten, wir gehen alle… Sympathiekarten zu mir!“

Und mit diesen Worten scheucht sie die ganze Bande nach draußen, nur der perfekte Julian und ich bleiben zurück. Ich wünschte, er würde mich nicht so anschauen, sondern einfach gehen, damit ich diese Schmach hinter mich bringen kann. Mir wird kalt. Meine Zähne… sind – klick – wieder drin. Zum Glück, endlich. Engel-Fee schwebt förmlich auf mich zu.

„Die Meute sind wir los“, grinst sie und legt die lächerliche Uniformjacke ab, die sie als Dating Angel hat tragen müssen. Und ich schwöre, in dem Moment, als sie mir den Rücken zukehrt, sehe ich ganz kurz zwei kleine lila Flügel aufgeregt flattern, bevor sie in ihren Mantel schlüpft. Ich wusste es! Also doch eine Fee! Sie schnappt sich ihre Handtasche und zwinkert mir zu, dann klackern ihre Absätze über den Boden und weg ist sie.

„Du scheinst nicht besonders begeistert, mit mir allein hier zurückzubleiben“, stellt Julian fest und erhebt sich zuletzt auch. Ha, ha. Erraten!

„Kannst du die Rede bitte schnell hinter dich bringen?“, sage ich und stehe auf. Wo zum Teufel ist meine Handtasche?!

„Welche Rede?“, fragt der Blitzmerker. Aber hach, sogar dabei sieht er süß und begehrenswert und außerordentlich schmackhaft aus!

„Die, in der du erklärst, dass unsere Lebensstile zu unterschiedlich sind, als dass es was werden könnte mit uns. Oder eben das, was ihr Kerle sonst immer so sagt, wenn ihr Bekanntschaft gemacht habt mit denen hier“, fauche ich und lasse zur Verdeutlichung meine Fänge noch einmal herausklicken. Das macht normalerweise immer Eindruck und schlägt die meisten Männer in die Flucht. Nicht aber dieses seltsame Geschöpf hier. Nein, er kommt näher! Hat dieses lebensmüde Exemplar der Gattung Mann denn gar kein Mitleid mit einem weiblichen Single der Spezies Vampir? Weiche von mir! Doch er weicht nicht von mir, nein, er kommt mir ganz unglaublich nah und obwohl ich mit aller Macht versuche, mich zu kontrollieren, kommen meine Fänge noch etwas weiter heraus, während er mir so nah ist, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren kann. Und er riecht so gut! Sein betörender Duft benebelt meine Sinne, steigert mein Verlangen nach seinem Blut ins Unermessliche, und ich will einfach nur noch zubeißen, zubeißen und saugen. Doch da fällt mir etwas auf. Ist da nicht eine seltsame Note unter seinem wunderbaren Geruch? Ein Geruch nach –

Wir schauen uns tief in die Augen, der flüssige Honig scheint zu leuchten, und seine Pupille wird groß –

„Hund?“

Ich weiche hastig zurück. Ein breites Grinsen erhellt sein Gesicht. Er macht sich über mich lustig! „Hast du es nicht bemerkt?“, zieht er mich auf.

„Werwölfe riechen normalerweise nicht so gut!“, fauche ich, und schmolle.

„Und Vampire“, erwidert er trocken, doch seine Mundwinkel zucken amüsiert, „sind normalerweise nicht so süß und sehen wie Marilyn aus.“

„Nur fast“, erwidere ich, „und wenn man die Augen ein wenig zukneift.“

Er grinst. „Wie auch immer. Kann ich dich auf einen Cocktail einladen?“


3 Gedanken zu “Geschichte: Speed-Dating mit einem Vampir

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