Die Notwendigkeit des Grau(en)s: Von der immerwährenden Faszination durch Vampirgeschichten.

Warum sind Geschichten mit Vampiren und über Vampire eigentlich immer noch spannend, obwohl wir sie nun wirklich schon in so vielen Variationen kennen?

Vampire. Foto: Albert Vilalta

Es ist wohl die Ambivalenz des Charakters Vampir, die ihn von den anderen fantastischen Wesen unterscheidet. Keine andere Figure ist durch ihre bloße, allgemeingültige Charakterisierung eine so gespaltene Persönlichkeit wie der Vampir. Zwerge, Feen, Engel, Hexen, oder Zauberer können gut sein oder böse, man kann sie in ein Schwarz-Weiß-Schema einordnen. Bei Vampiren kommen immer die Grautöne durch.

Es handelt sich bei Vampiren schon allein deshalb um etwas Böses, weil sie sich vom Blut Lebender ernähren. Durch ihre eigene Existenz schaden sie den Menschen. Ein moralischer Konflikt ist hier vorprogrammiert. Die Persönlichkeit des Vampirs ist damit, dass er aber in jedem Fall einem anderen Lebewesen etwas Schlechtes antun muss, um nicht von der Erde zu verschwinden, in zahlreiche Grautöne unterteilt. Und das bietet optimalen Stoff, um Geschichten zu erfinden, denn es geht sowohl auf Seite des Vampirs als auch auf der des Menschen darum herauszufinden, wer man selbst ist und woran man glaubt. Denn es gibt Vampire, die sich nicht von Menschen ernähren wollen und es gibt solche, die nur von Gaunern trinken und somit Selbstjustiz üben. Und dann gibt es Monster, die ihrem Blutdurst ungehalten nachgeben. Aber mit welchem Vampir hat man es wann zu tun? Was hat ihn zu dem gemacht, der er jetzt ist? Kann man hinter der harten Fassade einen weichen Kern erkennen? Das sind Fragen, die die Menschen bewegen, die dem Vampir begegnen. Vampire sind in den meisten Geschichten aus Menschen entstanden, die anderen oben genannten fantastischen Wesen aber nicht (entweder bin ich Hexe oder nicht, ich bin Fee, oder ich bin es nicht). Vampire fungieren damit wie ein Spiegel, sie stehen für die Abgründe des (untoten) Menschen. Als verwandelte Menschen haben sie das Potenzial als Identifikationsfigur zu dienen, denn wir versuchen, die Welt aus ihrer Sicht zu begreifen. Irgendetwas wie ein Herz, eine Seele, etwas letztendlich Gutes muss doch auch in ihnen noch vorhanden sein, oder etwa nicht? All diese Gedanken können auf unzählige Arten beantwortet und ausgearbeitet werden.

Der gesamte Artikel ist als Gastbeitrag auf Librimania erschienen.

alexa


6 Gedanken zu “Die Notwendigkeit des Grau(en)s: Von der immerwährenden Faszination durch Vampirgeschichten.

  1. Ich finde deine Darstellung der grauen Vampire wirklich schön, aber ich muss dir im obigen Part ein wenig widersprechen. Ich glaube nämlich nicht, dass Zwerge, Zauberer, Feen, etc. immer ein schwarz-weiß-Schema gedrückt werden. Ich glaube vielmehr, dass sie sich ebenfalls stark in diesen Grauzonen bewegen, bzw. bewegen sollen, denn genau diese Grauzonen sind das, was einen Charakter interessant macht. Jemand, der rein weiß oder schwarz ist, ist schon aus Prinzip langweilig. Es ist viel interessanter, wenn sich Protagonist und auch Antagonist und die jeweiligen Verbündeten alle auf einem ähnlichen Level des Graus bewegen.

    Doch bei Vampiren hast du auf jeden Fall Recht. Sie sind die prädestiniertesten aller Grauzonen-Figuren.

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    1. Danke dir für die Anmerkung. Ich stimme dir da voll und ganz zu, Figuren werden erst interessant, wenn ihr Charakter so facettenreich wie möglich ist!

      Was ich mit dem einleitenden Absatz meinte ist, dass Vampire sich dadurch, dass sie selbst einmal Mensch waren und in ihrem unsterblichen Dasein nur existieren können, wenn sie Menschenblut trinken, schon auf moralisch schwierigem Gebiet bewegen. Sind sie hilflos, weil sie sich ernähren müssen, oder sind sie grausam, weil sie Menschen lebensgefährlich werden? Da ist der moralische Konflikt schon existent, mit dem man beim Schreiben von Vampirgeschichten so schön spielen kann. Es muss kein Konflikt konstruiert werden, aber diese moralische Frage kann in alle erdenklichen Richtungen erweitert werden. Einen ähnlichen Konflikt sollte man für die anderen Figuren entwickeln, damit auch die sich in den Levels des Grau bewegen können. 🙂

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