Geheimnisse oder die Frage, wer was weiß

Mein Post über Lockwood hat mich dazu gebracht, über Geheimnisse nachzudenken – Geheimnisse, die wir unseren Figuren mitgeben, Geheimnisse, die sie lüften müssen, Geheimnisse, die sie um jeden Preis wahren wollen.

Geschichten leben von Geheimnissen und der Frage, wer was weiß.

Umso schwieriger finde ich immer wieder zu entscheiden, wie viele Geheimnisse der Leser lüften sollte und, fast noch wichtiger, wie viele Rätsel er allein lösen können sollte. Denn nichts ist ärgerlicher, als die große Frage eines Romans schon längst beantwortet zu haben, während die Figuren ihr noch seitenlang planlos hinterherjagen. Andererseits macht es wenig Spaß, wenn einem so wenige Informationen gegeben werden, dass man geduldig ausharren muss, bis  der Protagonist – Simsalabim – die Lösung aus dem Hut zaubert. Es gibt wohl kein Patentrezept dafür, wie man diesen Spagat hinbekommt. Trotzdem kann man sich an grundlegende Regeln halten, um den Spannungsbogen zu optimieren:

  • Immer davon ausgehen, dass die Leser mindestens genauso intelligent sind wie man selbst. Auch wenn die Lösung des Rätsels noch so kompliziert erscheint. Und auch wenn man Jugendbücher schreibt. Immer.
  • Die Geschichte an Testlesern ausprobieren. Zuerst in Ruhe lesen lassen, dann genau ausfragen: Wusstest du schon in Kapitel XY, wie es ausgehen würde? Ging dir die Auflösung zu schnell/langsam? Kommentare? Dabei ermutigen, wirklich zu kritisieren. Man liest es häufig in Büchern für Schriftsteller und lernt es in Seminaren: Niemals Familie und Freunde Korrektur lesen lassen, denn die sind nicht ehrlich, weil sie alles gut finden, was man schreibt. Stimmt einerseits, aber andererseits auch nicht. Denn die Meinung einer ehrlichen Person, die uns nahe steht, kann uns viel weiter helfen, als die eines Fremden, mit dem wir vielleicht gar nicht auf einer Wellenlänge sind. Also: Freunde und Familie bitten, hart zu kritisieren, und trotzdem auch fremde Testleser suchen.

Eine weitere Schwierigkeit, der ich beim Schreiben immer wieder begegne, ist die Frage, wie viel ich preisgeben kann/soll/muss.

Bevor ich loslege, mache ich mir intensiv Gedanken über meine Figuren. Schon bevor das erste Kapitel geschrieben ist, weiß ich fast alles über sie. Ihre Vergangenheit, ihre geheimsten Wünsche, ihre Sehnsüchte, ihre Ziele. Und weil ich will, dass meine Leser meine Figuren möglichst gut kennen, will ich viel (na ja, eigentlich alles) davon verraten.

Was nicht immer klug ist – eine Figur wird weit weniger interessant, wenn sie beim Leser nicht genug Fragen aufwirft. Auch macht es eine Figur rätselhafter, wenn man nichts, oder nur sehr wenig, aus ihrer Perspektive lesen kann. Hier ist es wichtig, sich auch mal zu bremsen. Man lernt mit der Zeit, dass Leser überhaupt nicht alles wissen müssen, und vor allem, auch gar nicht alles wissen wollen. Was gibt es Langweiligeres, als ein Buch zu lesen, in dem ewig lange Passagen in tell-Manier über die Vergangenheit des Protagonisten stehen? Die Figuren sitzen am Lagerfeuer und sprechen über die Vergangenheit, es liest sich wie eine Vorlesung, und der Leser fragt sich nur: „Warum muss ich bei dieser Szene dabei sein?“ Muss er nämlich gar nicht. Aber der Autor möchte, dass er jedes Detail kennt: Die schwere Kindheit, die spaßige Schulzeit, das Schicksal des besten Freundes – kurz: einfach alles, was die Figur zu dem gemacht hat, was sie zum Zeitpunkt der Geschichte spielt. Und dabei verkennen wir als Schriftsteller oft, dass das für Leser uninteressant ist und die Geschichte nicht voran bringt. Es sind Nebeninformationen, die wir uns ausgedacht haben, die auch notwendig sind, damit wir unsere Person in- und auswendig kennen. Aber Leser brauchen nur den für die Handlung relevanten Ausschnitt des Charakters einer Person zu kennen. Und wenn dadurch ein paar Geheimnisse bestehen bleiben – umso besser.

Wer hat andere Ideen zu oder Erfahrungen mit Geheimnissen in Geschichten?

 

Alena


4 Gedanken zu “Geheimnisse oder die Frage, wer was weiß

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