Kurzgeschichte: Kein Frühling

Anfang des Jahres waren wir für ein paar Tage in London und haben die Zeit genutzt, auch ein bisschen für das neue Buch zu recherchieren. Dabei haben wir den Highgate Cemetery besucht – wo dieses wundervolle Foto entstanden ist. Ich fand den Ort so inspirierend, dass ich eine kleine Geschichte dazu geschrieben habe.

Schlafender Engel auf dem Highgate Cemetery
Schlafender Engel auf dem Highgate Cemetery. Foto: Alexa Coletta.

Kein Frühling

Sie betrachtete den überdimensionierten Grabstein, den eine überlebensgroße Porträtbüste von Karl Marx zierte. Es war ein Ungetüm aus marmoriertem Stein, und die riesigen, leeren Augen starrten sie an.

Das Klingeln eines Mobiltelefons zerriss die Stille.

Für einen Moment glaubte Clara, der leblose Koloss habe gezuckt, so als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen, doch als Tom den Anruf entgegen nahm, schienen die Augen genauso leer wie zuvor.

„Nein“, hörte sie Tom sagen, „du gehst short. Alles andere ist Tuntengeschwätz.“

Clara verdrehte die Augen und wandte sich zum Gehen. Tom folgte, telefonierte jedoch weiter. Sie beschleunigte ihre Schritte. Die Führung über den Westteil des Highgate Cemetery begann pünktlich, so viel wusste sie. Am Vortag waren sie zu spät gekommen, weil Tom telefoniert hatte und sie deshalb vor der Tube-Station hatten warten müssen, da unter der Erde die Verbindung für gewöhnlich zusammenbrach. Sie hatte neben ihm gestanden, der Regen hatte ihren Mantel durchdrungen, und als das Portfolio endlich an Wert hinzugewonnen hatte, war es bereits so spät gewesen, dass ihre Plätze in der Führung über den viktorianischen Friedhof auf dem Highgate Hill schon vergeben worden waren.

„Ich glaube nicht, dass man auf dem Friedhof telefonieren darf“, sagte sie, als sie die Swains Lane überquerten, die den Ostteil des Friedhofes vom Westteil abschnitt.

Tom runzelte die Stirn. „Wieso nicht?“

Die Führerin winkte sie ungeduldig heran, als sie durch das Tor hindurch waren. Sie waren die letzten. Das Grüppchen, das auf sie gewartet hatte, stand in einem Halbkreis, alles an ihnen vorwurfsvoll. Clara warf Tom einen Blick zu, doch er schien in Gedanken versunken.

Die Führerin erzählte von den Anfängen des Friedhofs, doch Clara hörte nicht richtig zu. In Gedanken war sie noch immer bei Marx’ Grab und dem hässlichen Denkmal, das man ihm gesetzt hatte. Platt, dachte sie. Die Führerin sagte etwas über das Gebäude, das das Tor umrahmte und durch das sie hereingekommen waren. Dass es eine Kirche gewesen war und nun Archiv und Laden beherbergte.

„Das Leben geht weiter“, seufzte die dicke Frau mit dem kurzen grauen Haar, die ein Mädchen an der Hand hielt, das nicht viel älter als zwölf sein konnte, aber seltsam erwachsen wirkte. Clara spürte den Blick des Mädchens auf sich und wandte sich ab.

Gemeinsam überquerten sie den Platz, an den sich die Treppe anschloss, die hinauf auf den Friedhof führte. Langsam bewegten sie sich den Pfad entlang. Die Führerin ging rückwärts, sodass alle sie verstehen konnten. Tom hatte sich an ihr vorbeigedrängelt, sodass er nun der Gruppe vorauslief, wie eine Vorhut, die sie nicht benötigten. Clara fragte sich, ob es einen Unterschied machte, wenn man alles zuerst sah. Sahen die Dinge für ihn frischer, aufregender, echter aus, nur weil er sie vor ihnen allen erblickt hatte?

„Normalerweise ist um diese Jahreszeit auf dem Friedhof bereits Frühling, aber dieses Jahr sprießt nichts“, sagte die Führerin. In der Tat war es bitterkalt. Die Märzsonne kam hinter den grauen Wolken nicht hervor, und hier oben auf dem Highgate Hill, von dem aus man London in der Senke liegen sah, waren die viktorianischen Gräber von einer Schicht Raureif überzogen. Clara zog den Schal etwas enger um sich.

Als sie an den beiden Obelisken, die am Eingang zur Egyptian Avenue standen, vorübergingen, hatte Clara das Gefühl, sie übertrete eine imaginäre Grenze. Am liebsten wollte sie in eine der Grabkammern, die den Weg säumten, eintreten und um Asyl bitten. Tom kickte gegen einen Kieselstein, und er rasselte gegen eine der eisernen Türen. Hier oben zwischen den viktorianischen Mauern hatte sich die Kälte gefangen. Es lag noch etwas Schnee. Wunderschön und eiskalt. Clara konnte ihren eigenen Atem sehen.

Als sie den Hügel hinabstiegen, lief Tom wieder voraus und machte Fotos. Die Führerin hielt an einer Weggabelung an und erzählte von der Ehefrau eines Dichters, der ihr Mann ein paar seiner Gedichte mit ins Grab gelegt hatte, nur um sie später zu exhumieren, als er seine Zeilen zurückhaben wollte.

„Woran starb sie?“, fragte eine Frau.

Die Führerin wusste es nicht. Clara wandte sich ab und folgte Tom den sich abwärts windenden Hang hinunter.

Sie kam an einer Gruppe aneinander geschmiegter Mausoleen vorbei, links und rechts davon nur Gras. Sie wirkten seltsam verloren und irgendwie fehl am Platz. Verwittert, so als seien diejenigen, die sie bewohnten, bereits zu Asche und Staub verfallen. Vor einem davon lagen frische Blumen.

Tom war nicht mehr zu sehen. Clara lief den Pfad etwas weiter hinunter, an den Blumen vorbei, und sah, wie Tom durch das schmiedeeiserne Tor verschwand, das Handy in der Hand.

Sie wandte sich nach der Gruppe um, die ihr langsam den Weg hinunter folgte. Die Führerin sprach mit dem Mädchen. Eine Frau lachte.

Clara wandte sich um und lief Tom nach.


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