Strategie, oder warum eine Flasche Rotwein keinen Hemingway macht

Letztes Jahr habe ich mir einmal die Woche den Abend damit vertrieben, in einem Schreibkurs Kurzgeschichten zu zerpflücken und ab und zu selbst eine zu produzieren. Ich habe da ein paar interessante Dinge gelernt, aber am besten erinnere ich mich an eine Anekdote.

Der Lehrer, selbst Schriftsteller, erzählte von einem Freund, aus dessen schriftstellerischen Ambitionen nie so recht etwas werden wollte, da er sich nachmittags auf seinen Balkon zu setzen pflegte, dort eine Flasche Rotwein leerte und sich ein paar Stunden später wunderte, dass er noch immer kein Hemingway, sondern immer noch nur betrunken, war.

Das Klischee, dass Schriftsteller von Leidenschaft und wankelmütiger Genialität getriebene Poeten sein müssen, um auch nur einen guten Satz auf die Reihe zu kriegen, ist erstaunlich hartnäckig.

Und dabei geht es für die meisten von uns auf dem Weg von der Idee zum Roman doch vor allem um eins: Strategie.

Ein 5-Punkte Crashkurs für alle, die immer schon einmal wissen wollten, warum Strategie und Schreiben nicht nur zusammen funktionieren, sondern in der Kombination sogar recht empfehlenswert sind:

1. Das Schriftsteller-Gen

Es gibt  Leute, die glauben, Schriftsteller kann nur sein, wer die Begabung zum Schreiben bereits als Embryo in sich getragen hat (das sind meistens die, die noch nie geschrieben haben). Kann sein, dass Goethe das hatte. Oder Shakespeare. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht gibt es ein solches Gen gar nicht.

2. Die Strategie hinter dem Manuskript

Fakt ist: Schreiben ist Handwerk. Man kann es lernen. Und für die Veröffentlichung  – sei es als Self-Publisher oder über einen Publikumsverlag – braucht man eine Strategie. Aus vielen Geschäftsideen wird nichts, andere schlagen sofort ein. Warum dieser Ausflug ins Business? Weil das Schreiben nichts anderes ist. Viele Geschichten landen in der Schublade, andere werden veröffentlicht aber niemand interessiert sich dafür, und dann wieder gibt es Überraschungserfolge. Oft entscheidet die Qualität nicht über den Erfolg.

3. Kleiner Ausflug zu meiner eigenen Strategie

Ich könnte mein Buch nicht schreiben, wenn ich kein Outline hätte. Das ist Teil meiner Strategie.
 Und ich könnte mein Buch auch nicht schreiben, wenn ich nicht daran glauben würde, dass es jemanden interessieren wird (wenn es dann irgendwann mal fertig ist).
 Ich weiß nicht, ob ich 100 Absagen auf mein Manuskript bekommen werde. Aber ich weiß, was ich erreichen will, und dafür arbeite ich. Morgens um sechs, abends um elf, 48 Wochenenden im Jahr und an (fast) allen Feiertagen, die es so gibt.

4. Warum dürfen wir nicht von dem leben, was wir tun?

Wieso sollte ein Buch literarisch weniger wertvoll sein, wenn es kommerziell (erfolgreich) ist? Cassandra Clare und Sarah Rees Brennan haben dazu ein paar interessante Gedanken verfasst: Was ist verwerflich daran, wenn Schriftsteller (auch) schreiben, um die Rechnungen zu bezahlen? Und was ist verwerflich daran, wenn Geschichten so geschrieben werden, dass sie den Leser unterhalten? Auch Elizabeth Gilbert schreibt, dass sie nur bei einer einzigen ihrer Kurzgeschichten allein ihrer Inspiration gefolgt ist.

5. Ich schreibe. No matter what.

Und ich handle strategisch: Ich plane die Plotlines. Ich plane auch, wann ich wo welche Geschichte einreiche. Und ich liebe meine Geschichten, sie alle, meine Figuren und das, was ich tue. Ich würde niemals behaupten, dass die Arbeit eines anderen weniger wert ist, nur, weil er so oder anders handelt.

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Alena

 


17 Gedanken zu “Strategie, oder warum eine Flasche Rotwein keinen Hemingway macht

  1. Wirklich wahre Worte. Ich kann eigentlich alles unterschreiben, wenn ich auch nicht nach allen Punkten direkt handel. Sicher ist aber, dass hier Dinge aufgezählt werden, die vielen den Wind aus den Segeln nehmen, wenn sie mal wieder über weintrinkende Poeten und exentrische Schriftsteller/Autoren sprechen.
    Vielen Dank auch für das Bild. 🙂
    Eine gute Ermahnung am Anfang des Tages.

    Liebe Grüße
    Kalassin

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    1. Freut mich, dass auch dir der Beitrag gefällt 🙂

      Ich kann eigentlich alles unterschreiben, wenn ich auch nicht nach allen Punkten direkt handel.

      Und genau das finde ich so schön am Schreiben – es gibt Punkte, denen jeder zustimmen kann. Wie man die Feinheiten bei der Schreiberei dann gestaltet, ist einem aber selbst überlassen. Bei jedem funktionieren andere Dinge auf andere Wege. Und das ist auch gut so und macht die Bandbreite so vieler, guter Werke und deren Autoren aus! 🙂

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      1. Das ist richtig. nur leider verstehen das nicht alle und zwingen einem dann ihre Lehren vom „richtigen Schreiben“ auf. Sowas kann ich gar nicht leiden, und ich blocke dann direkt ab (Auch wenn ich dann eine tatsächlich guten Tipp versäume). Ich fand sehr gut, dass genau dieser Aspekt in deinem Beitrag fehlte. Daumen hoch. 🙂

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