Warum man fürs Beobachten von Leuten bezahlt werden sollte

Eine meiner großen Leidenschaften ist es, Leute zu beobachten. Beim Shoppen: Was haben sie an, was kaufen sie ein? In der Bahn: Was lesen sie, wo steigen sie ein, wo steigen sie aus? Im Kino: Mit wem sind sie da? Wenn man nach Menschen, Gesichtern und dazu passenden Geschichten sucht, eignen sich manche Orte ganz besonders gut: Bahnhöfe und Flughäfen, der Uni-Campus, Sportevents, oder – falls man ganz hart im Nehmen ist – Primark am Samstagnachmittag (H&M tut’s auch). An diesen Orten erspäht man auf so engem Raum so viele unterschiedliche Menschen, dass mir meistens der Kopf fast überquillt vor Geschichten, die man daraus machen könnte. Menschen beobachten ist für Schriftsteller also Teil des Arbeitsprozesses – am besten sollte man gleich dafür bezahlt werden.

Aber auch wenn es eher unwahrscheinlich erscheint, dass das demnächst passieren wird (wohl eher kommt man in Teufels Küche, wenn man allzu auffällig fasziniert ist und seine Sonnenbrille zu Hause vergessen hat), bieten uns Situationen aus dem Leben Inspiration, bringen uns Menschen auf Ideen.

Kleines Anwendungsbeispiel:

Unendlich viel Stoff für Geschichten… Foto: Pinterest

Soeben läuft ein Mädchen mit einem Starbucks-Pappbecher in der Hand (die mittlere Größe) an mir vorbei. Hier gibt es weit und breit keinen Starbucks. Wo hat sie den her? Vom Bahnhof? Ist sie gerade aus einem Zug gestiegen? Wo kam der her? Und wie lange hat ihre Zugfahrt gedauert? Bedeutet die Tatsache, dass sie flache Schuhe trägt, dass sie es weit hat bis zur Station? Und da sie eine teure Designerhandtasche hat: Lebt sie vielleicht in einem abgelegenen Herrenhaus? Und schon bin ich bei der perfekten Gruselgeschichte.

Alena


5 Gedanken zu “Warum man fürs Beobachten von Leuten bezahlt werden sollte

  1. Da muss ich auch noch ein Anwendungsbeispiel beisteuern:

    Ich bin heute Morgen durch den Wald gejoggt und kam an einem Grillplatz vorbei. Das ist noch nichts Besonderes, da komme ich oft vorbei. Aber heute waren sieben Männer um die dreißig dort, und haben gegrillt. Da habe ich mich sofort gefragt: Was machen die hier? Der Grill schien zwar erst frisch angeworfen zu sein, ich habe noch keine Würstchen riechen können. Aber wer will denn um viertel vor acht Bratwürstchen essen? Oder haben die nur ihre Frühstücksbrötchen gegrillt, in Ermangelung eines Toasters? Aber so früh, an einem Feiertag? (Für alle, die sich jetzt denken, man könnte auch eine Gruselgeschichte daraus entwickeln, warum jemand an einem Feiertag um viertel vor acht im Wald joggt: Ich muss euch leider enttäuschen. Mein Wecker hat mir förmlich das Wort „REVISION“ entgegen geschrien, sodass ich einfach so früh aufstehen musste. Eure Fantasie muss also auf eine andere Gelegenheit warten.). Am besten, ich wäre hingegangen und hätte sie gefragt, was sie im Schilde führten. Bin ich aber nicht. Dafür habe ich mir den ganzen weiteren Weg überlegen können, warum sie da waren. Vielleicht haben sie die Nacht durchgefeiert und dann dort gegessen. Oder es waren Zauberer, die nach der Walpurgisnacht am Verhungern waren, weil sie so viel ums Feuer getanzt sind. Oder sie wollten immer schon mal Gegrilltes frühstücken. Oder sie kamen aus den USA, hatten einen Jetlag und dachten, es wäre Abend. Oder, oder, oder.
    Welche Geschichten habt ihr?

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