Schriftsteller sind Fotografen, die mit Worten arbeiten.

Am Wochenende habe ich mich einmal einer anderen Kreativitätsform gewidmet, der Fotografie (ein paar nette Entwürfe sind dabei auch entstanden, wie ihr unten sehen könnt). Aber handelt es sich dabei wirklich um eine andere Art des Kreativseins? Auf den ersten Blick scheint die Lage klar: Fotografen arbeiten mit Bildern und fangen den Moment ein, Schriftsteller erschaffen den Moment mit Worten.

Aber ist das wirklich so?

Unabhängig davon, ob das Bild eine Aufzeichnung mit Lichtpunkten (Fotograf) oder eine Zeichnung mit Worten (Schriftsteller) ist, müssen schließlich beide genau hinschauen, scharf stellen und weich stellen, über- und unterbelichten, damit das Resultat perfekt ist. Und es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten, denn sind es nicht Fragen wie diese, die Schriftsteller sowie Fotografen beschäftigen?


 

Die Stimmung

Welche Worte zaubern die Atmosphäre des Augenblicks und welcher Lichteinfall sorgt für Stimmung auf dem Foto?

Rotunde
Vier Mal das gleiche Bild, und doch vier andere Bilder: Belichtung und Filter sorgen für unterschiedliche Stimmung. Genau wie Worte es können. Foto: Alexa Coletta.

 

Der Fokus

Auf welchen Teil der Arbeit fokussiere ich, d.h. welchen Teil stelle ich scharf? Welchen Teil meines Fotos möchte ich deutlicher abbilden als einen anderen? Kreiere ich, die Schriftstellerin, nur eine einzige eine komplexe Figur, einen einzigen Protagonisten, sind es mehrere Hauptfiguren, oder agiert eine Gruppe? Welche der Figuren bekommt viele Facetten, die ihren Charakter definieren, und welche bekommt wenige?

Schärfe
Unscharf, scharf, unscharf. Oder welche Figuren sind Protagonisten? Foto: Alexa Coletta.

 


 

Die Welt

Und wo, überhaupt, befinde ich mich? Ich, die Schriftstellerin, in der realen Welt oder einer ausgedachten, fantastischen? Ich, die Fotografin, in der Natur, im Labor, im Museum? Wie schaffe ich es, in meiner Welt den perfekten Moment einzufangen oder zu beschreiben?

UBahn
Den richtigen Moment einfangen oder mit Worten zeichnen: Nur so entsteht das perfekte Bild. Sowohl mit Lichtpunkten, als auch mit Worten. Foto: Alexa Coletta.

 

Der Ausschnitt

Was zeige ich, die Fotografin, dem Betrachter des Fotos? Welchen Ausschnitt der Welt bekommt er zu sehen? Mache ich, die Fotografin, eine Makro-, eine Nahaufnahme, oder ein Weitwinkelbild, das ein umfassendes Bild der Umwelt zeigt? Und welche Geheimnisse offenbare ich, die Schriftstellerin, in meiner Geschichte dem Leser?

Wasser
Was zeige ich als Fotografin? Details, oder fließende Übergänge? Was ist echt, das fließende Wasser oder sind es die Tropfen? Oder beides? Und welche Geheimnisse verrate ich als Schriftstellerin? Foto: Alexa Coletta.

 

Stimmung, Fokus, Welt und Ausschnitt – sie alle (und noch viele andere) beschäftigen sowohl Schriftsteller als auch Fotografen. Nur eben auf ihre eigene Art und Weise. Fotografen arbeiten mit Licht und Motiv, um ihr Bild zu perfektionieren. Schriftsteller arbeiten mit Worten um die Szene zu beschreiben. Sie werden damit zu Fotografen eines Bildes, das in ihrer Vorstellung existiert, dem sie durch Worte Leben einhauchen und es damit für andere sicht- und erfahrbar machen.

alexa


3 Gedanken zu “Schriftsteller sind Fotografen, die mit Worten arbeiten.

  1. Schöne Fotos und ein wirklich schöner Gedanke. So habe ich mir über das Schreiben noch nie wirklich Gedanken gemacht. Ich vergleiche es eher mit dem Bildhauern, denn am Anfang hast du deinen groben Klotz. Es gibt keine Finesse und keine Details aber du weißt, dass darin schon das steckt, was du herausholen willst. Aber das geht nur mit gezielten Schlägen und wenn du fertig bist, hast du vielleicht das vor dir, was du haben wolltest.
    Jedes Wort ist wie ein Schlag mit einem Meisel. Je mehr du schlägst, desto mehr Details kannst du erschaffen, doch wenn einmal ein Schlag falsch platziert wird, kann es sein, dass du versehentlich dein Werk zerstörst. (Ok. Vielleicht als Autor nicht ganz so radikal, aber ich denke, das sollte so verständlich sein 😀 )

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    1. Das ist auch ein sehr schöner Gedanke, so habe wiederum ich das Schreiben noch nie gesehen.
      Das Spannende an beiden Ideen ist: Der Vergleich mit dem Meißel geht davon aus, dass ich etwas habe (die Vorstellung, von dem, was ich ausdrücken will, im Kopf – so meintest du das doch, oder?), das ich formen muss und an dem ich feile, damit meine Geschichte entsteht.
      Und der Vergleich mit der Fotografie geht eher noch von einer Vorstufe aus, nämlich von dem Moment, in dem eigentlich noch nichts existiert. Da muss ich erst einmal überlegen, was ich überhaupt ausdrücken will, oder über welche Figuren ich schreiben will (je nachdem, wie ich als Schriftsteller an die Art, eine Geschichte zu entwickeln, herangehe).
      Damit sind es einerseits zwei ganz unterschiedliche Gedanken, das Schreiben zu sehen, aber andererseits lassen sie sich auch koppeln, indem man sagt: Die erste Stufe ist die fotografische, in der ich überlege, worauf ich den Fokus legen will, und die zweite Stufe ist die bildhauerische, in der ich meine Details herausarbeite.

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