Über Wincest, Slash und einen Kometen

Jace und Alec küssen einander auf dem Küchenfußboden? Harry Potter ist mit Hermine Granger zusammen? John Winchester, Vater von Sam und Dean in der TV-Serie Supernatural, ist gar nicht tot?  Bella hat Edward verlassen und ist mit Jasper zusammen?

Äh, geht’s noch? Klar! Das geht, denn es handelt sich bei allen Geschichten um Fanfictions. Diese Geschichten (auch fan fictions, fanfics oder auf Deutsch häufig Fanfiktionen) werden von Fans zu Büchern oder Buchreihen, Filmen und Serien geschrieben. In einigen Fällen werden Fanfictions auch zu realen Figuren verfasst (wie etwa diese, sehr erfolgreiche und im Herbst bei Simon & Schuster erscheinende Fanfiction zur Boygroup One Direction zeigt). Fanfictions erweitern die bestehende Geschichte (den „Kanon“), sind Kreuzungen verschiedener Geschichten („Crossover“) oder spielen in einem neuen Universum, mit neuen Charakteren, die aber immer noch an die Originalgeschichte angeschlossen sein sollen. Fanfictions werden daher auch als „Fanon“ bezeichnet.

Was genau sind Fanfictions?

Fanart zu Dean & Castiel-Slash. Foto: suchacat
Fanart zu Dean & Castiel-Slash. Foto: suchacat.

Fanfictions spielen häufig in Handlungslücken der Originalstory, machen Nebenfiguren zu Protagonisten, verändern das Genre der Geschichte, spielen mit den romantischen  Verflechtungen („Pairings“) und erhöhen nicht selten emotionale und sexuelle Szenen. Dabei wird für die Stories ein ganz bestimmtes Vokabular genutzt, damit jeder weiß, worauf er sich einlässt: Jace und Alec – das ist „Slash“: Es geht um eine homoerotische Beziehung, die meist zwischen Männern stattfindet. Die romantische Beziehung von Zwillingen wird als Twincest bezeichnet, und in Anlehnung daran werden romantische Stories zwischen Sam und Dean Winchester als „Wincest“ bezeichnet, „Destiel“-fanfictions beschäftigen sich mit Dean und Castiel.

Seit wann gibt es Fanfictions und wo finde ich sie heute?

Erste Fanfictions entstanden übrigens vor mehr als 70 Jahren: Fanzines (zusammengesetzt aus „fan“ und „magazines“) wurden mit der Star Trek-Serie populär und beschäftigten sich mit Science Fiction. Das erste Magazin, The Comet, wurde 1930 vom Science Correspondence Club in Chicago herausgegeben. Während der Austausch mit anderen Fans damals noch offline passierte und Fans erst bei Conventions richtig miteinander in Austausch treten konnten, gibt es heute Onlineplattformen, um Fanfictions zu schreiben und Feedback von Lesern zu erhalten. Die größten englischsprachigen Plattformen sind fanfiction.net und wattpad.com; in Deutschland tummeln die meisten Fans sich auf Fanfitkion.de.

Gibt es auch berühmte Fanfictions?

50 Shades of Grey begann als Fanfiction zur Twilight-Serie, und auch The Mortal Instruments entstanden aus einer Harry Potter-Fanfiction. Rainbow Rowell, Autorin von Eleanor & Park, hat mit Fanfiction angefangen und Harry Potter und Draco Malfoy miteinander verheiratet.

Fanfictions sind nur ein kleiner Teil des Universums der Fandoms. Dazu gehören neben Fanzines und Fanfictions unter anderem auch Fanart, Fanvids und Cosplay. Warum Teenager, die sich selbst und ihre Freunde als „Shipper“ bezeichnen, nicht automatisch auch über die Marine Bescheid wissen müssen, lest ihr in dieser Folge meiner Fanstudies. 

Weiterführende Links:

Video: Fanfiction – Wo bleibt der Schriftsteller?

„The epic love story of Sam and Dean“: Supernatural, queer readings, and the romance of incestuous fan fiction

Das Vokabular der Fandoms

alexa

 

 

 


7 Gedanken zu “Über Wincest, Slash und einen Kometen

  1. Noch ein Teil des Universums rund um Fans sind Modder, die vor allem bei TES sehr aktiv sind. Es gibt dabei (wie wahrscheinilch auch bei Fanfiction) die guten (die sich an den Kanon halten und qualitati höherwertiges abliefern) und die schlechten (denen Qulität und Kanon einfach egal ist). Modder zum Beispiel, die die Geschichte um interessante Aspekte erweitern, die von den Entwicklern nicht aufgegriffen wurden, die aber immer noch dem Kanon entsprechen, sind deshalb in der Fangemeinde äußerst beliebt. Auch jene, die einfach nur eine Lücke in der Geschichte mit ihren Vorstellungen auffüllen, werden gern gesehen. Auch hier gilt wahrscheinlich das Gleiche auch für Autoren von Fanfiction.

    Zu Fanfiction kann ich nicht viel sagen (hab mich, ehrlich gesagt, noch nicht wirklich damit auseinander gesetzt 😀 ), aber Modder, die ihre Arbeit gut machen, finde ich wirklich cool 🙂

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    1. Danke dir für die spannende Ergänzung! In der Gaming-Industrie kenne ich mich kaum aus, aber jetzt habe ich etwas Spannendes und Neues gelernt: Von Moddern wusste ich bisher noch nichts, finde das Phänomen aber auch sehr interessant. Und ja, cool sind die, die wirklich gute Arbeit leisten, auf jeden Fall 🙂

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  2. Falls es irgendwen interessiert: AO3 – Archive of Our Own – ist dank des Tag-Systems leichter zu navigieren als Fanfiction.net, hat keine Werbung, und die Qualität der Texte scheint durchschnittlich ein bisschen höher.
    Was Florians Kommentar angeht … solange „AU/alternate universe“ draufsteht, ist in den Fandoms, die ich kenne, alles erlaubt. Förderlich scheinen allerdings erstens ein guter Klappentext und zweitens ein populäres Pairing, vor allem mit M- oder E-Rating. (Also mindestens ab 16.) Ist wirklich erstaunlich, wie viele Rechtschreib- und sonstige Fehler für das Versprechen von „smut“ vergeben werden.

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    1. Ich muss dir Recht geben: In Fandoms ist so gut wie alles erlaubt, und ja, auch damit hast du Recht, es ist nicht alles von bester Qualität. Da muss man schon aufpassen, an welche Geschichten man kommt.
      Man kann das Schreiben von Fanfiction aber auch als Chance sehen, den Schreibstil zu erproben und zu verbessern. Es gibt beispielsweise Studien (hier oder auch hier), die genau das untersuchen: Welche Auswirkungen kann das Schreiben von Fanfiction auf Sprachgefühl, -qualität und -fähigkeit haben, vor allem für English Language Learner, die ihre Texte absichtlich auf fanfiction.net oder wattpad.com veröffentlichen, um eine größere Reichweite zu erlangen?

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