Vom Recht des Lesers auf unbeantwortete Fragen

Eine meiner Lieblingsautorinnen aus dem YA-Bereich hat diesen Sommer ein neues Buch einer Reihe herausgebracht, die ich wahnsinnig gern lese. Ich habe dem Erscheinungstermin entgegengefiebert, das Buch sofort bestellt, als es lieferbar war, und mich dann daran gemacht, es zu verschlingen.

Irgendwie blieb es mir im Halse stecken. Nicht, weil es schlecht war: Besagte Autorin ist, zumindest meiner Meinung nach, eine sehr talentierte Schriftstellerin, und obendrein eine findige Geschäftsfrau, die sich, ihre Bücher und ihre Ideen sehr geschickt – und erfolgreich! – vermarktet.

Und dennoch – das Buch schmeckte fad. Warum? Weil ich das Gefühl hatte, den Plot bereits zu kennen, bevor ich ihn gelesen hatte. All die neuen Figuren, die Szenen, auf die ich hingefiebert hatte, Wendungen, die eigentlich überraschend hätten sein sollen, waren irgendwie schon da gewesen, und zwar in den Weiten des Internets. Als Teaser und Promotion. Auf der offiziellen Website der Autorin. Auf ihrem Blog. Durchgesickert in Fanforen. Das Buch, das scheinbar so geschickt vermarktet worden war, machte einfach keinen Spaß mehr zu lesen, da es kaum noch überraschen konnte.

Am meisten ärgerte mich, dass die meisten neuen Figuren bereits vorab online vorgestellt worden waren. Als ich ihnen im Text begegnete, wusste ich bereits zu viel über sie. Mir war, als wären sie vorab durch ihre Schöpferin für mich interpretiert worden, bevor ich mich persönlich mit ihnen bekannt machen durfte.

Und genau das ist die Krux für Schriftsteller in unserer Social Media-Welt, in der Autorenmarken so viel bedeuten: Sie müssen sichtbar sein, sich in der medialen Vielfalt zu Hause fühlen und Lesern die Möglichkeit geben, ins Gespräch zu kommen. Den „Tod des Autors“, den Roland Barthes in seinem gleichnamigen Aufsatz diskutiert, müssen wir in der interaktiven Umgebung des Internets anders denken. Aber trotzdem: Als Leserin möchte ich meine eigene Deutungshoheit über den Text haben, den ich lese. Ich will, dass Fragen, die der Text nicht beantwortet, im Raum stehen dürfen, und ich will nicht, dass man mir erklärt, was ich lesen werde oder gelesen habe. Dazu ein schönes Zitat von Ann Patchett:

„Once the novel is out there, the author is beside the point. The reader and the book have their own relationship now, and should be left alone to work things out for themselves. […] Chances are I can explain, in the course of a Q&A, a novel’s dissatisfying ending or a character’s cloudy motivations, but who’s to say I’m right? Once the book is written, its value is for the reader to decide, not for the author to explain.“ Quelle: Ann Patchett, „My Life In Sales“, The Atlantic, August 2008, URL: http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2008/08/my-life-in-sales/306903/?single_page=true *

Eine Lösung für mein Problem liegt auf der Hand: keine Autorenblogs mehr lesen. Aber das wäre schade und so ähnlich, als würde ich aus Prinzip den Fernseher nicht mehr anmachen, nur weil mir Reality-TV nicht gefällt. Mein Plädoyer an uns als Leser: Nicht immer auf alle Teaser, vorab veröffentlichten Auszüge und Promotionmaterial stürzen, mit denen man uns lockt. Es fällt manchmal schwer, sich auf die Langsamkeit des Buchs einzulassen, Erscheinungstermine abzuwarten, etwas selbst herauszufinden, statt einfach danach zu googeln. Aber das Warten lohnt sich meistens und erhöht den Lesegenuss. Und an uns als Schriftsteller: Verderben wir unseren Lesern nicht den Spaß! Lassen wir sie auf Entdeckungsreise gehen. Und dabei müssen wir sie nicht an die Hand nehmen, sie finden den Weg auch ganz von allein.

Alena


* Der Artikel ist auch in Ann Patchetts Buch This Is the Story of a Happy Marriage erschienen, das ich besonders schreibenden Menschen sehr empfehlen kann. Allen anderen aber auch.


6 Gedanken zu “Vom Recht des Lesers auf unbeantwortete Fragen

  1. Deine Enttäuschung kann ich gut nachempfinden. Davon abgesehen, dass man einem Buch dadurch etwas von seinem Geheimnis und seiner Ganzheit nimmt, beschleicht mich das Gefühl, dass manche Bücher durch Marketingstrategien künstlich zu etwas aufgeblasen werden, das sie gar nicht sind. So als wollte der Verlag durch pompöseres Marketing über die Seichtigkeit des Inhalts hinwegtäuschen.

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