Ein Hoch auf unsere Geschichten und Leser*

Dank der zuletzt regelmäßigen Streiks und der nicht selten vorkommenden Verspätungen ist Zugfahren im Moment nicht immer eine Freude. Manchmal ist eine Bahnfahrt aber auch unerwartet aufschlussreich.

Vor Kurzem war ich mit dem ICE unterwegs, gut unterhalten von Stefan Bachmanns Die Seltsamen, als fünf Mädchen, etwa um die 17 Jahre alt, zustiegen. Sie setzten sich weiter vorne an eine Tischgruppe, ich hörte sie plaudern und wanderte in meiner Fantasie weiter durch das steampunkige London.

„Ich kann nicht lesen, was die schreibt, das ist so schrecklich!“, hörte ich plötzlich eines der Mädchen sagen. Sofort spitzte ich die Ohren.

„Das ist doch lächerlich. Vampire glitzern nicht, die sind böse.“

Foto: ALBOWIEB

Ich musste gar nicht mehr hören, um zu wissen, worum es ging. Ich für meinen Teil weiß jedenfalls nur von einem Vampir, der glitzert. Die Mädels unterhielten sich weiter über Bücher und darüber, wie Figuren sein sollten. Nachdem sie ausgestiegen waren, vergaß ich sie und ihr Gespräch über den Tag vergessen.

Später fuhr ich die Strecke zurück, die Mädchen stiegen wieder ein und setzten sich wieder an eine Tischgruppe. Dieses Mal saß ich genau dahinter und konnte sehen, dass sie offenbar zum Shoppen in die nächste Stadt gefahren waren. Sie trugen allerdings keine Tüten von H&M, ZARA oder New Yorker bei sich, sondern hatten offenbar so Einiges in einer großen Buchhandelskette ergattert. Mein Interesse war sofort geweckt. Ich, wieder Die Seltsamen lesend, beobachtete die Damen immer wieder aus dem Augenwinkel. Nachdem sie die Erlebnisse ihres Tages hatten Revue passieren lassen, begannen zwei zu essen, zwei mit dem Handy zu spielen, und die fünfte zog ihre Errungenschaften hervor. Zumindest eine davon: John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Sie schlug das Buch auf, begann erst für sich selbst zu lesen (zur Erschütterung ihrer Freundinnen in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit) und dann zeigte sie ihren Begleiterinnen verschiedene Textstellen und las andere vor.

Was ich aus diesem Erlebnis mitgenommen habe?

Wir alle wollen und sollen schreiben, worüber wir schreiben wollen. Das sagt – passender Weise zu diesem Beitrag – auch Stefan Bachmann. Aber wir sollten dabei nicht die Zielgruppe aus den Augen verlieren, wie Literaturagentin Shira Hoffman betont.

Wir schreiben (und lesen) Young Adult, unsere Zielgruppe saß zwei Stunden lang im Zug vor mir (was nicht zuletzt daran deutlich wird, dass John Greens Buch schon mein Buch der Woche war und ich es jedem empfehlen würde). Wir mögen Vampirgeschichten und freuen uns über neue Bücher mit den Wesen der Dunkelheit. Auch wenn wir keine Glitzervamps mögen und es beruhigend und wichtig zu wissen ist, dass unsere potenziellen Leser davon auch genug haben, gibt es bestimmt auch Leser, die noch immer mehr über Edward Cullen lesen möchten. Und das ist auch völlig okay. Denn so lange man als Schriftsteller seine Zielgruppe kennt und als Leser weiß, was man will, sind wir doch alle gut aufgehoben in der Welt unserer Geschichten.

alexa

 

 

 

 

* Gemeint sind stets Leserinnen und Leser gleichermaßen.

 


12 Gedanken zu “Ein Hoch auf unsere Geschichten und Leser*

  1. Da ich selbst noch nicht so lang dem Jugend-Alter entwachsen bin, kann ich nur bestätigen, dass es uns auf jeden Fall gibt 😉
    Unter anderem weiß ich das, da ich in Öffis immer wieder Fantasy-Nerds anziehe und mich schon mehrmals mit Leuten über GoT unterhalten habe.
    Wir trauen uns halt nur seltener in Öffentlichkeit und verstecken uns lieber in dunklen Zimmern. Oder waren das Vampire?

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    1. Das sind die Vamps 😉
      Als ich einmal im Zug an meinem Manuskript gearbeitet habe, hat neben mir eine junge Frau gesessen. Irgendwann hat sie gefragt:
      „Sorry, falls das jetzt komisch klingt, aber arbeitest du an einem Buch?“
      Klang tatsächlich bisschen komisch, weil sie offenbar mitgelesen hatte, und anstatt es zu verbergen, das auch noch offen zugab. Sie wirkte aber so nett, dass ich mich mit ihr ein bisschen über die Handlung unterhalten und erfahren habe, dass sie Ärztin ist und ihre Eltern besuchen fährt. Sie hat sich dann vor dem Aussteigen meine Blogadresse aufgeschrieben. Ich weiß gar nicht, ob sie unsere Beiträge tatsächlich liest, aber das war ein unglaublich cooles Erlebnis!

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  2. Ich lausche auch immer fasziniert, wenn sich Jugendliche über Bücher unterhalten. Irgendwie gemein, dass es so exotisch für uns wirkt, dabei waren wir ja selbst mal lesende Jugendliche. Und in meinem Bekanntenkreis haben erstaunlich viele gern gelesen. Das wird heute nicht anders sein.

    Off-Topic: Was hältst du denn von DIE SELTSAMEN? Mich reizt das Buch, aber es schreckt mich ehrlich gesagt ab, dass der Autor so ein Jungspund ist. Extrem junger Jungspund. 🙂 Kannst du das vom inhaltlichen und erzählerischen Anspruch her mit anderen bekannten Jugendbüchern vergleichen oder geht es tatsächlich mehr Richtung Kinderbuch?

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    1. Stimmt, Stefan Bachmann gehört zu den eher jungen Kollegen der Schriftstellerwelt. Aber das merkt man, wie ich finde, dem Buch Die Seltsamen nicht an: Stilistisch ist das Buch gut geschrieben, auf keinen Fall wie ein Kinderbuch. Hin und wieder merkt man als Leser, welche Werke Bachmann inspiriert zu haben scheinen. Manche empfinden das vielleicht als störend, man kann es aber auch sehr sympathisch finden. 🙂

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