Über Jo Nesbøs Gefängnisaufenthalt und andere Dinge aus Wien

Schriftsteller sollten ihren Lesern zutrauen, dass sie mindestens genau so klug sind wie sie. Das ist das, was ich von meinem sehr schönen Besuch der Wiener Buchmesse, der BUCH WIEN, mitgenommen habe.

Aber von vorne: Wer mir auf Twitter folgt, der ist nicht drum herum gekommen zu bemerken, dass ich am Donnerstag losfuhr, um einen kleinen Abstecher auf die Buchmesse zu machen (ich gebe es zu: ich musste dort arbeiten, aber wenn man mit Büchern arbeiten darf, dann macht (fast) alles Spaß!).

Es ist ambitioniert, fünf Wochen nach der größten internationalen Messe im Nachbarland noch eine Buchmesse zu eröffnen. Aber wie das Messemanagement sagt: Die BUCH WIEN etabliert sich als kleine Publikumsmesse, die dieses Jahr erstmalig mit der Langen Nacht der Bücher am Mittwochabend gestartet ist (die Lesefestwoche hatte schon am Montag begonnen).

Und das stimmt, denn die Messe in Wien ist, so kann man wohl sagen, das komplette Gegenteil von Frankfurt. Hier geht es weniger um Lizenzgeschäfte und darum, möglichst viel auf einmal mitzunehmen (vor allem Flyer, Stifte und Blöcke…). Die Atmosphäre ist ruhiger, persönlicher, entspannter. Das sagt auch Meir Shalev, israelischer Autor (Zwei Bärinnen), der einen Auftritt in Wien einem in Frankfurt klar vorzieht und nur noch auf der Messe in der österreichischen Hauptstadt lesen möchte.

Wer die Buchmesse in Frankfurt kennt, der fühlt sich in Wien wie im eigenen Wohnzimmer: eine einzige Halle, die maximal so groß ist wie Halle 3 in Frankfurt (das ist die mit den Publikumsverlagen). Das Gefühl nach Wohnzimmer und Gemütlichkeit wird durch die Buchhandlung der Messe am Eingang verstärkt, da reihen sich nämlich Bücherregale aus dunklem Holz (sieht zumindest so aus) aneinander. Wie in einer alten Bibliothek!

Messebuchhandlung BUCH WIEN
Messebuchhandlung BUCH WIEN. Foto: Alexa Coletta.

Mein Messehighlight – Jo Nesbø

Mein Highlight der Messe war die Lesung von Jo Nesbø (gesprochen: „Nesbö“) am Donnerstagabend in der Urania, bei der er sein neues Buch, Sohn, vorgestellt hat. Ich bin spontan hingegangen, um von der Dame am Einlass zu erfahren, dass nur Leute mit Reservierung Zutritt erhalten. Glücklicherweise wollte die

Jo  Nesbø (1)
Jo Nesbø in der Urania (1). Foto: Alexa Coletta.

Dame, die hinter mir in der Schlange stand, eine Karte loswerden und so kam ich dann doch rein.

Und es hat sich gelohnt, denn Jo Nesbø war super und auch die Moderation von Gabriele Madeja war gelungen. Wer die Chance hat, ihn irgendwo zu sehen: hingehen! Egal, ob ihr schon viel von ihm gelesen habt oder nicht: Es lohnt sich, denn der Mann ist super sympathisch. Er hat eine Minipassage auf norwegisch vorgelesen, die deutsche Übersetzung folgte von Oliver Mommsen, Bremer Tatort-Kommissar. Nesbø und Mommsen sind gemeinsam auf Lesereise; sie sind ein super Team und Mommsen liest unglaublich gut.
Lesung und Gespräch wechselten einander ab, es ging darum, ob Nesbø mit seinen Krimis auf gesellschaftliche Probleme in Norwegen aufmerksam machen will (will er nicht), dass er als Teenager mal im Gefängnis war (betrunken hatte er einer Polizeistreife sein entblößtes Hinterteil entgegen gestreckt), und dass in einem seiner Kinderbücher ein Junge sehr, sehr klein ist (die Geschichte hat er seiner Tochter erzählt, und sie hatte Angst vor Jungs, deswegen durfte lediglich ein nicht sehr großer in der Geschichte vorkommen). Das Schwierigste überhaupt, so Nesbø sei es gewesen, seinen Lesern etwas zuzutrauen:
„You have to realize that the reader is just as intelligent as the writer. It was very hard for me to get that.“

Das hat mich sofort daran erinnert, dass das auch für mich etwas war, das ich erst lernen musste. Nicht zu viel erklären, sondern dem Leser seinen Freiraum lassen.

JoNesbø (2).
Jo Nesbø in der Urania (2), vlnr.: Oliver Mommsen, Jo Nesbø, Gabriele Madeja. Foto: Alexa Coletta.
Als nach knapp eineinhalb Stunden Madeja zur Signierstunde übergehen wollte, blickte Nesbø verwirrt drein: „Aren’t there any questions?“
Madeja sah auf die Uhr, nickte wohlwollend, Nesbø: „Well, I don’t know if you have to go home, but…“ Und da brachte er, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, den gesamten Saal zum lachen. Und ja, es gab Fragen. Die wohl wichtigste für alle Nesbø-Fans: Wird Harry Hole wiederkommen? Ja, das wird er, so Nesbø.
Nesbø singt übrigens auch in der Band Di Derre, schreibt noch viel mehr, als übersetzt worden ist und klettert. Gemeinsam mit Oliver Mommsen. Habe ich doch gesagt, ein gutes Team.
alexa

2 Gedanken zu “Über Jo Nesbøs Gefängnisaufenthalt und andere Dinge aus Wien

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