Manchmal ist das Leben ein viktorianischer Roman

Abgesehen von meiner offensichtlichen Beigeisterung für YA Fantasy bin ich auch eine große Liebhaberin von Klassikern, ganz besonders von viktorianischen Romanen. Kurz vor Weihnachten war ich damit beschäftigt, eine Bildungslücke zu schließen und Dickens‘ Große Erwartungen zu lesen. Ich war wieder einmal geradezu fasziniert davon, wie viktorianische Romane es immer wieder schaffen, jede Figur, die einmal vorgekommen ist, an einer anderen Stelle wieder vorkommen zu lassen. Es gibt praktisch keine losen Enden. Wenn die Anstrengung unternommen wurde, eine Figur mit Namen einzuführen, dann hat sie auch eine Rolle zu spielen, und sei es eine kleine.

Verkettung, Verwirrung, lose Enden? Foto: JaredZammit

Trotz des altbekannten Sprichworts „Man trifft sich immer zweimal im Leben“ ist das im echten Leben dennoch nicht immer so: Nicht alle losen Ende knüpfen irgendwo an (auch wenn man zu Weihnachten oder Neujahr den Eindruck gewinnen könnte, es sei doch so, wenn sich plötzlich alle möglichen Menschen, die man schändlich vernachlässigt hat, trotzdem mit guten Wünschen melden).

Nun sind Romane nicht das echte Leben und die, die wir schreiben, sind keine viktorianischen Romane. Lose Enden müssen nicht so  zuverlässig und fest verknüpft werden, wie man es noch zu Dickens‘ Zeit gewohnt war und schätzte. Dennoch müssen wir bei der Konstruktion der losen und engen Beziehungen, die unsere Figuren unterhalten, im Kopf behalten, dass sie genau das sind: Figuren. Wir müssen ihnen Freunde zur Seite stellen, aber nicht genauso viele wie echten Menschen, denn das macht das Ensemble unübersichtlich. Sie brauchen Feinde. Sie brauchen Nebenfiguren. Da darf es auch das eine oder andere lose Ende geben, um sich dem realen Leben anzunähern.

Aber ein gut durchkomponierter Roman hat immer auch ein bisschen etwas von einem viktorianischen Roman. Deshalb lieben und schätzen wir die alten Schinken schließlich immer noch.

Alena

 

 

 


2 Gedanken zu “Manchmal ist das Leben ein viktorianischer Roman

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