Schreiben ist manchmal wie erwachsen werden. Oder: Warum ich Prologe nicht mag.

Ich mag keine Prologe.  Ich mag es nicht, wenn Autoren ihren Büchern ein erstes Kapitel voranstellen, das sie mit „Prolog“ betiteln, in dem sie dann die komplette Backstory des Buches erklären, die Kindheit des Protagonisten ausbreiten oder Figuren handeln lassen, die dann erst einmal nicht mehr im Buch vorkommen. Okay, also doch: Ich mag keine Prologe. Wenn man sich mit dem Schreiben beschäftigt, auf Agenten- und Schriftstellerblogs surft, herrscht eine Meinung vor: Keine Prologe schreiben, die mögen Agenten nämlich nicht.


Fact: Prologues in fiction should be avoided. Carly Watters, Literary Agent


Tatsache ist aber, dass es ziemlich viele Bücher gibt, die mit Prologen starten. In Magisterium von Holly Black und Cassandra Clare wird im Prolog ein Teil Backstory ausgerollt. Das finde ich unnötig, weil es erstens Speed rausnimmt (und ein Kickstart den meisten Fantasy-Romanen nicht schadet). In Rainbow Rowells Eleonor & Park nimmt der Prolog eigentlich schon das Ende der Geschichte vorweg. Und in Elif Shafaks Die vierzig Geheimnisse der Liebe dient der Prolog dazu, der Protagonistin ein Profil zu geben, einen Rundumschlag ihres Lebens zu liefern. Wenn man erwachsen wird, will man sich selbst finden, ausprobieren, was im Leben zu einem passt, und herausfinden wohin man will. Dabei reibt man sich manchmal mehr, manchmal weniger mit Idealen und Vorstellungen, die man von den Eltern kennt. Die einen wird man für sich als sinnvoll auch in den eigenen Erwachsenenalltag übernehmen, bei anderen dagegen wird man merken, dass die Regeln vielleicht für das Leben der Eltern funktioniert haben, für einen selbst aber nicht. Und dann gibt es Regeln, die man erst gar nicht hinterfragt, weil sie zum gesellschaftlichen Leben dazugehören: Wie verhalte ich mich in der Öffentlichkeit, wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um usw. Manchmal ist es beim Schreiben genau so. Es gibt Regeln, die einen Roman zum Erfolg bringen: Grundlegendes Handwerkszeug wie Spannungsbogen, Entwicklung von Dialogen, sprachliche Feinheiten. Es gibt aber, wie beim Erwachsenwerden auch, schriftstellerische Elemente, bei denen wir uns selbst überlegen können, was wir von ihnen halten. Mit Prologen ist das so. Viele mögen sie nicht, vor allem, weil sie oft „falsch“ angewendet werden. Aber letztlich sind Prologe ein Element, bei dem wir als Schriftsteller uns überlegen sollten, ob wir sie mögen und ob sie für unsere Geschichte sinnvoll sind.


Or the prologue is to be used as a framing device around the plot or to introduce a crucial scene in the backstory that will impact the main plot. So okay, prologue time.  Nathan Bransford (er erklärt übrigens auch, was letztlich einen guten Prolog ausmacht).


I don’t think there’s a hard-and-fast rule for or against prologues. I think you just need to make sure it’s as important to the story as every chapter you’re writing and not something you’re doing because it’s easier than the alternative. Jessica Faust, BookEnds Literary Agency.


Das Schwierige an der „guten“ Verwendung eines Prologs ist, dass der Leser ihn als relevant empfinden muss. Wie Nathan Bransford schreibt, muss der Leser ein Buch mit Prolog praktisch zwei Mal beginnen. Das macht es erstens schwieriger, den Leser in die Handlung zu ziehen, weil es zwei starker Einstiege bedarf. Wenn der Leser die ersten Seiten eines Buches liest, lernt er die Charaktere kennen. Muss er zuerst einen Prolog lesen, lernt er die Figuren des Prologs kennen, nach einigen Seiten verschwinden sie, und er muss wieder neue Figuren kennen lernen oder die zuvor kennen gelernten Personen in einem anderen Alltag oder einem anderen Alter. Das kann ihn verärgern, vielleicht sogar das Buch weglegen lassen, wenn der erste (Ab-)Satz ihn nicht fesselt. Ich lese Prologe nicht gern, weil ich immer das Gefühl habe, dass sie mich von der eigentlichen Geschichte fern halten. Der Inhalt des Prologs von Magisterium hätte sich super in der Handlung unterbringen lassen, den bei Eleonor & Park fand ich von vornherein überflüssig und „spoilery“ und in Die vierzig Geheimnisse der Liebe wirkt er meiner Meinung nach wie ein mäßig gelungener Versuch, dem Leser den inciting incident näher zu bringen. alexa


9 Gedanken zu “Schreiben ist manchmal wie erwachsen werden. Oder: Warum ich Prologe nicht mag.

  1. Liebe Alexa,

    ein interessanter Post! In „Magisterium“ hat der Prolog mir auch misfallen: Ich hätte es spannender gefunden, wenn man die Geschichte des Protagonisten erst später mit der Vorgeschichte verknüpft hätte, im Prolog handelten andere Personen als im restlichen Roman und außerdem fand ich ihn nicht unbedingt spannend. Insofern muss ich dir recht geben: Auch ich bin wohl kein großer Fan von Prologen. Umso toller finde ich dafür Epiloge – ich möchte Bücher einfach nicht sofort loslassen!

    Liebe Grüße,
    Marie

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  2. Hallo!
    Interessante Meinung. Ich mag gute Prologe – sie können eine gute Vorbereitung auf die Welt, die Geschichte, das Umfeld sein etc. Auch hier, wie immer: manchmal passt es, manchmal nicht. Eine pauschale Ablehnung halte ich für schade. (Und wenn das bestimmte Lektoren zigmal tun. Wenn die Ablehnung bloß aus Ratgeber-Faustregeln oder Moden stammt, sind das ohnehin keine guten Lektoren/Verleger!).
    Irja.

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    1. Ich bin ganz deiner Meinung: Pauschalisieren ist in keinem Fall gut. Genau deshalb zeige ich beide Seiten auf, denn die Verwendung des Prologs will gut überlegt sein, weil er der Geschichte zwar einen Rahmen verpassen und die Stimmung setzen kann. Er sollte aber nicht verwendet werden, weil er der einfachere Weg ist, dem Leser Backstory oder Charaktere vorzustellen. Und trotzdem gibt es in der Branche viele Stimmen, die vor der Verwendung von Prologen warnen.
      Ob man Prologe nun gern liest oder sogar schreibt, darüber darf (und sollte!) sich jeder eine eigene Meinung bilden, denn, wie gesagt: Prologe sind keine Elemente wie das „festgelegte Handwerkszeug“, sondern Geschmackssache.

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  3. Meine Meinung zu Prologen ist auch in der Richtung: Prologe sind okay, solange sie funktionieren. Meistens funktionieren sie halt nicht.

    Ein ähnliches Problem stellt sich auch mit Autor*innen, die die erste Perspektivfigur, die sie zeigen, gleich umbringen. Die müssen ihren Roman auch zweimal anfangen. Was mir eindeutig zu viel Arbeit wäre.

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  4. Wenn der Autor den Prolog benutzt, um sich billig aus der Affäre zu ziehen („Im Prolog stand, dass der Protagonist in seiner Kindheit ein dramatisches Erlebnis mit Feuer hatte, also brauche ich es später nicht mehr erwähnen, der Leser wird sichs schon gemerkt haben“) machen mich Prologe auch ziemlich sauer. Wenn sie aber, wie wiesenirja schon gesagt hat, den Leser vorbereiten, dann lese auch ich gerne Prologe!

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