Über Eintagsfliegen, Klassiker & das Schreiben

Wenn ich Alan Balls True Blood schaue, dann habe ich eine Strategie: Ich beginne mit einer Folge, die dann (danach kann man die Uhr stellen) mit einem dermaßen fiesen Cliffhanger endet, dass ich sofort die nächste Folge anschalten muss. Die schaue ich dann etwa bis zur Mitte, denn dann flacht die Handlung nach der Lösung des Cliffhangers aus Folge 1 ab und der Cliffhanger für Folge 2 wird erst noch aufgebaut. Der ideale Zeitpunkt also, um auszusteigen. Vor allem dann, wenn es schon nahe an Mitternacht ist, und man am nächsten Tag früh aus dem Bett muss.

Letztens war ich beim Music Discovery Project, einem alljährlich an zwei Tagen im Februar stattfindenden Konzert, veranstaltet vom Hessischen Rundfunk. Klassische Musikstücke, gespielt vom Sinfonieorchester, werden mit Songs einer modernen Band gemischt; dieses Mal waren die Jungs von Milky Chance da.

Was mir dabei so alles aufgefallen ist (zum Glück kann man mit den Ohren hören und trotzdem herumschauen, sonst wäre ich auf verlorenem Posten gewesen und hätte nichts mitbekommen von der Performance):

  1. Während der von Milky Chance gespielten Songs hörte man bisweilen kreischende Mädels und mitsingende Fans; später begannen die, deren Sitzplätze in der Halle weit vorne waren, zu tanzen.
  2. Dagegen: Während der vom Sinfonieorchester gespielten Stücke herrschte ein Kommen und Gehen, ein Wegbringen leerer Getränkebehältnisse, ein Erwerben neuer Getränke.
  3. Sowohl während der von Milky Chance als auch während der vom Sinfonieorchester gespielten Songs und Stücke tummelten sich nicht wenige im Publikum auf diversen Sozialen Netzwerken wie Facebook, WhatsApp und Co.*

Ich habe überlegt, was das zu bedeuten hat. Offenbar gleicht die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen der einer Eintagsfliege (obwohl ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung habe, wie aufmerksam diese Tierchen sind, aber ihr wisst ja, was ich meine). Es ist die eine Sache, ob wir Second-Screen-mäßig zu Hause vor dem Fernseher sitzen, mit Laptop, Smartphone und Tablet. Neben der Vorabendserie noch schnell die Mails checken, den Facebook-Status unseres Nachbarn liken und den Leuten in der WhatsApp-Gruppe, die später am Abend tanzen gehen wollen, unser Outfit beschreiben. Da habe ich absolut nichts dagegen (ich mache das selbst), und wie wir unsere Freizeit verbringen, ist ja uns überlassen. Aber bitte, bitte, bitte, wenn ihr euch Konzertkarten kauft, dann lasst doch auch mal die virtuelle Realität virtuell bleiben. Nur für diese ein bis zwei Stündchen, hm?

Und jetzt: Was lernen wir als Schriftsteller daraus?
Die Aufmerksamkeit ist heute anders als noch vor (vielleicht) 200 Jahren. Und das ist völlig okay gut so! Wir sollten daher heute anders schreiben als es Dumas, Dante oder Tolstoi getan haben. Klassiker haben es nicht nötig, sich an die moderne Gesellschaft anzupassen, genau so wenig wie es die klassische Musik nötig hat, sich für kreischende Fans zu verbiegen. Klassik ist klassisch, und das gehört auch so. Es sind wir, die sich in diesem Fall anpassen sollten. Wir müssen keine 3000 Seiten Krieg & Frieden lesen, wenn wir das nicht wollen. Wir müssen uns keine klassischen Konzerte anhören gehen, wenn wir keine Klassik mögen. ABER: Wenn wir dort sind, weil wir uns für die einen fünfzig Prozent des Abends interessieren, sollten wir den zweiten fünfzig Prozent respektvoll gegenübertreten. Egal, ob es unser Geschmack ist.

Zugegeben, Haustiere würde ich zum Konzert nicht mitbringen. Aber Handy aus wäre doch mal eine Idee, oder? Foto: Pinterest

Wenn wir aber als Schriftsteller Unterhaltung schreiben, dann sollten wir idealerweise darauf achten, den Leser durch die Handlung zu ziehen, sodass er keinen Längen ausgesetzt ist, die ihn unsere Geschichte vielleicht abbrechen lassen würden. Denn nichts wollen wir weniger als das!

Wie können wir das erreichen?
Ganz einfach: Kleine Cliffhanger ans Ende der Kapitel setzen, Hinweise, die dem Leser präsentiert werden, sodass er nicht auf die Idee kommt, zu vergessen, weiterzulesen. Ich meine, ganz im Ernst: Wenn Alan Ball so arbeitet, muss doch was dran sein!

 

Was meint ihr dazu? Ich bin auf eure Meinung gespannt!

alexa

 

 

 

 

 

—–

* An einer Stelle im Konzert hat ein Mann hinter mir die Frau neben sich ermahnt, doch bitte endlich ihr Handy wegzustecken, denn es sei nervtötend, was sie da tue.


11 Gedanken zu “Über Eintagsfliegen, Klassiker & das Schreiben

  1. Guter Text und trotzdem Bauchweh. Warum erinnern wir uns an die Schlagzeile der Bildzeitung und bleiben sogar im Vorübergehen an den Artikeln hängen? Warum generieren Postings wie „Plötzlich enthüllte sie ihr schockierendes Geheimnis!“ tausende von Klicks? Leider nicht, weil die Inhalte gut, sondern weil sie simpel sind und an „niedere Instinkte“ (vielleicht) appellieren. Habe ich eine Lösung, wie ich die Aufmerksamkeit unserer abgelenkten Gesellschaft erwecken kann ohne mit psychologischen Tricks (Sex, Drugs, Rockn’Roll) zu arbeiten? Nein. 🙂
    Ich hoffe weiter und bemühe mich, mich zu konzentrieren, um die guten Texte nicht zu verpassen. Auch wenn’s manchmal schwer fällt. Bin leicht abgelenkt. 😉 LG! NJ

    Gefällt 2 Personen

  2. Muss mich njscholz da oben anschließen mit meinem bisschen Bauchweh. Die Kunst ist wohl, neben genug Unsicherheiten/Rätseln/Cliffhangern trotzdem noch Inhalt zu transportieren, der er ein wenig mehr Tiefe hat als die Bildzeitung und diese „Schock ihres Lebens!“-Videos, die auf den Starseiten von Maildienstleistern verlinkt sind.

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  3. Eintagsfliegen haben, gemessen an ihrer Lebensdauer, eine sehr hohe Lebensspanne. Aber ja, ein wenig mehr Achtsamkeit (das Prinzip, welches du ansprichst) wurde den meisten von uns gut tun. Ob nun beim schreiben oder lesen oder Konzertgang.

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  4. Das ist mir auch schon öfter aufgefallen. Auch wenn ich es bis jetzt eher im Fernsehen mitbekommen hab, dass bei Konzerten total viele mit dem Handy da stehen. Auf den Konzerten, auf denen ich bis jetzt war ist mir das jetzt noch nicht so aufgefallen (außer vielleicht auf einem Festival, aber da ist man ja nicht unbedingt wegen der Band die grade spielt). Ich frag mich aber immer wieder, warum man auf ein Konzert geht, um dann nur halbherzig zuzuhören.. Das versteh ich einfach nicht. Zugegeben, ich hab während meinem letzten Konzert auch mal aufs Handy geguckt, aber nur weil ich wissen wollte wie viel Uhr wir haben, zumal es eh im Flugmodus war.

    Sonst kenn ich das mir dem Ablenken lassen, aber doch auch sehr gut, leider. Wenn ich zB zu lange am Stück eine Serie gucke, dann passiert es schon mal, dass ich plötzlich mein Handy in der Hand halte und jedesmal ärger ich mich darüber. Naja und beim Lernen… Wer lenkt sich dabei nicht gern ab? Ich erinner mich da immer gerne an den Moment zurück, als ich mit einer Freundin gelernt hab und plötzlich auf dem Bett lag, meine Flasche auf der Stirn stehend und sagte:
    „Ich bin ein Einhorn!“

    So und zu dem Bild, das klingt alles sehr logisch, wobei ich es anzuzweifeln wage, dass meine Katze mich auf dauer und Ruhe lassen würde 😛

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    1. Es ist ja nicht schlimm, dass man das Handy – sorry, Smartphone – auch beim Fernsehen neben sich liegen hat, oder beim Lesen oder wann auch immer. Nur wenn es andere Leute stört, weil es im Dunkeln leuchtet (Kino, Theater, etc.), permanent vibriert oder durch Herumlaufen die Konzentration anderer gestört wird, dann wird es, so finde ich, problematisch. 😉

      Als Schriftsteller können wir daraus lernen, dass unser Schreibstil wirklich fesselnd sein sollte und dass wir viele Cliffhanger einbauen sollten. Denn wir konkurrieren mit all den anderen Medien, die parallel genutzt werden und die die Aufmerksamkeit der Leser beeinflussen 🙂

      Gefällt 1 Person

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