Was ich beim Lesen von “After passion” gelernt habe (Lehr-Buch #5)

Das ist der fünfte Post der (langsam schon nicht mehr ganz so) neuen Kategorie Lehr-Buch: Keine Rezensionen, sondern Schreiberling-Erkenntnisse. Heute geht es darum, die Zielgruppe zu kennen und ihnen eine Geschichte zu liefern, die ihrem Lebensalltag entgegen kommt. Versuchsobjekt: After passion von Anna Todd.

Schon als ich im letzten Jahr von der Sensation auf wattpad gelesen habe, die von Simon & Schuster eingekauft wurde, dachte ich mir, das müsste ich mal lesen. Ja, wir haben genug von den Good Girl/ Bad Boy-Geschichten gelesen, das haben wir an der ein oder anderen Stelle kundgetan. Aber spätestens, nachdem meine ungefähr 50-jährige Physiotherapeutin mich darauf angesprochen hat, was ich von After passion halte, wusste ich:  Good Girl/ Bad Boy hin oder her – ich muss wenigstens wissen, worum es geht! Für alle, die die Serie nicht kennen: Sie ist als Fanfiction zur Boyband One Direction entstanden und wurde auf der Fanfiction Webseite wattpad über eine Milliarde Mal geklickt.

Anna Todd: After passion (Bild: Verlagsgruppe Random House GmbH)

Zum Inhalt:
Tessa Young ist attraktiv und klug. Und sie ist ein Good Girl. An ihrem ersten Tag an der Washington State University trifft sie Hardin Scott. Er ist unverschämt und unberechenbar. Er ist ein Bad Guy. Er ist genau das Gegenteil von dem, was Tessa sich für ihr Leben wünscht. Und er ist sexy, gutaussehend und zieht Tessa magisch an. Sie kann nicht anders. Sie muss ihn einfach lieben. Und sie wird nie wieder die sein, die sie einmal war.
Quelle: Verlagsgruppe Random House GmbH 

Als ich zu lesen begonnen habe, hatte ich das Gefühl, Anna Todd nutzt inflationär das Wort „gern“: Ich würde gern sehen, ich wusste, dass er es gern mochte, sie hatte es gern… (keine wörtlichen Zitate, aber so in dem Stil). Das hat mich anfangs gestört, ich habe mich aber daran gewöhnt. Überhaupt ist die Sprache des Buchs eine, bei der man das Gefühl hat, mit Tessa einen Kaffee zu trinken und ihr zuzuhören, wie sie ihre Erlebnisse erzählt. Sprachlich also kein Wunder, ehrlich. Dabei haben die Kapitel in After passion etwa die Länge, die ich selbst für einzelne Szenen ansetzen würde. Soll heißen, sie sind wirklich sehr, sehr kurz mit minimal zwei Seiten, maximal sieben Seiten Länge. So gut wie jedes davon endet mit etwas, das auf das nachfolgende Kapitel oder eines der nächsten Ereignisse hinweist. Und trotzdem: Ich wollte weiterlesen, wollte wissen, wie die Geschichte sich entwickelt und wie sie ausgeht. Aber warum, wenn sie nicht besonders gut geschrieben ist, ein Good Girl und ein Bad Boy vorkommen und die Kapitel mich ohnehin nur minutenlang beschäftigen konnten?

Erkenntnis #1 von 4:

„Getippt hat Todd auf ihrem Handy, so holprig lesen sich die 700 Seiten mitunter auch“ – das habe ich kürzlich in einem Magazin gelesen. Stimmt zwar, immerhin hat mich zu Beginn auch so einiges am Stil gestört (gern, gern, und äh, gern). Aber: Über eine Milliarde Klicks könnte man auch als Indiz dafür verstehen, dass das gar nicht so schlimm ist. Denn wer genießt es nicht, mit der Freundin beim Kaffee zu sitzen und sich dabei ihre Geschichte erzählen zu lassen? Eben. Also: Zielgruppe kennen, erkennen und auch wissen, wie man sie erreicht. Was zieht, sind letztlich Figuren und ihre Handlungen – viel mehr, als ein perfekt ausgearbeiteter Plot oder literarische Hochwertigkeit. Obwohl es selbstverständlich toll ist, wenn alles zusammenkommt 🙂

Erkenntnis #2 von 4:

Anna Todds After passion ist das perfekte Beispiel dafür, was ich in einem meiner letzten Beiträge damit meinte, dass wir den Leser keine Längen erleben lassen sollten: Die Kapitel sind so kurz, dass sie in kleinen Häppchen gelesen werden können. Und das auch, wenn wir nur fünf Minuten Zeit haben im Bus oder drei Minuten warten müssen auf die Antworten von WhatsApp-Chat Nummer zwei und Facebook-Chat Nummer vier. Ein kleiner Abschnitt After passion passt immer dazwischen.

Erkenntnis #3 von 4:

In dem gleichen Post habe ich gesagt, dass wir Längen vor allem dann vermeiden, wenn wir kleine Cliffhanger einbauen. Auch hierzu kann ich nur sagen: Chapeau, Anna Todd! Ich hatte nach jedem Kapitel das Gefühl, einen entscheidenden Hinweis bekommen zu haben, wie das nächste Kapitel weitergeht. Und wenn es auch eine noch so kleine Information war: Ich wollte weiterlesen um zu sehen, wie das Thema aufgegriffen wird. Daran merkt man, dass Anna Todd sich des Mediums, für das sie geschrieben hat – eine Online-Plattform – bewusst war, und ihren Leserinnen und Lesern kleine Häppchen geliefert hat. Funktioniert aber auch in Buchform, wie wir sehen.

Erkenntnis #4 von 4:

Die Sache mit dem Good Girl und dem Bad Boy kann man auch anders lösen, als wir es zuletzt häufig gelesen haben. Jaja, ich weiß, Hardin muss geläutert werden, er hatte eine schwere Kindheit, und Tessa, strebsam wie sie ist, findet ihn toll, will für ihn da sein, und so weiter. So weit, so gut. Hört sich an wie die meisten anderen dieser Geschichten. Trotzdem: Die Wendung, die Todd ganz am Ende noch einflechtet, finde ich gar nicht mal so schlecht. Und mit dem letzten Kapitel setzt sie dann noch einen absoluten Cliffhanger, sodass man (ich auch!) am liebsten gleich Buch zwei lesen würde, obwohl man (also ich) schon dachte: Wieso denn ganze 700 Seiten über das Beziehungs-Hin-und-Her?!

alexa

 

 

 

P.S.: Ich muss das loswerden, sonst platze ich! Erinnert sich jemand an meinen Beitrag English titles auf deutschen Büchern – no thanks!Ich habe absichtlich jedes Mal oben den Untertitel passion genannt, weil – sorry, aber – eine Buchreihe auf Deutsch After-Serie zu nennen und die einzelnen Titel dann After 1, After 2, After 3 und After 4, äh, ja, genau. Das ist das perfekte Beispiel dafür, wann sich ein deutscher Titel dann doch besser geeignet hätte…


7 Gedanken zu “Was ich beim Lesen von “After passion” gelernt habe (Lehr-Buch #5)

  1. 😀 mir ginge genauso… Und „After“ ist wirklich, wirklich ein schrecklicher Titel im deutschsprachigen Raum… „Liest du After?“ „Wie BITTE?!?!?!“
    Während ich die 700 Seiten des 1. Bandes gelesen habe, dachte ich die ganze Zeit: Wirklich? Lese ich gerade echt 700 Seiten darüber wie sich zwei streiten und wieder versöhnen?
    Aber der Cliffhanger war dann sooooo gut, dass ich 2 verdammte Monate auf Kohlen saß, bis ich endlich das 2. Buch in den Händen hielt.

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu 🙂

    Die Idee finde ich ja super – das ist mal eine richtig coole aber andere Art von Rezension! 🙂

    Der Roman ist auch gerade auf dem Weg zu mir – bin schon gespannt 😀

    Liebe Grüße,
    Marie

    Gefällt 1 Person

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