Wir brauchen mehr Katniss Everdeens für Erwachsene

Viele YA-Romane, die wir in den letzten Jahren lesen durften, waren mit starken weiblichen Figuren bevölkert, die Teenagern hoffentlich zeigen, was in Heldinnen so alles steckt. Man denke an Tris aus Divergent, an Katniss Everdeen aus Die Tribute von Panem, oder an Clary Fray aus der City-of-Bones-Reihe.

Und da stellt sich mir die Frage: Können wir das bitte nicht nur für weibliche Teenager, sondern auch für erwachsene Frauen umsetzen?

Foto: Pinterest

Ganz schockierendes Beispiel, kürzlich in der Werbung gesehen: Eine gestandene berufstätige Frau erklärt einer Gruppe Kollegen in einem Meeting etwas, das wir noch nicht einmal hören, denn stattdessen werden uns die Gedanken ihrer Mitarbeiter mitgeteilt. Die – wie könnte es auch anders sein – darüber nachdenken, wie gut sie aussieht und ob sie wohl mit ihnen ausgehen würde. Genau davon träume ich auch immer: Wenn ich anderen einen fachlich schwierigen Zusammenhang erkläre, bemerken sie hoffentlich einfach nur, wie gut meine Frisur sitzt. Na klar. (Toller Beitrag dazu übrigens in Meike Winnemuths stern-Kolumne.)

Aber in der sogenannten Frauenunterhaltungsliteratur, die immerhin von Heerscharen Frauen gelesen wird – viele davon unabhängige Frauen mit Bildung und eigenem Geld – ist es zum Teil kein bisschen besser. Kürzlich habe ich mir Lori Nelson Spielmans Morgen kommt ein neuer Himmel von einer Freundin geliehen. Das Buch tummelt sich ja seit Ewigkeiten ganz vorn auf den Büchertischen, da dachte ich mir – schlecht kann es nicht sein. Und was man zugeben muss: Gehirne lieben nun einmal Listen. Da ist es nahezu genial, einen Plot komplett um eine Liste herum zu bauen:

Als Brett 14 Jahre alt war, hatte sie noch große Pläne für ihr Leben, festgehalten auf einer Liste mit Lebenszielen. Heute, mit 34 Jahren, ist die Liste vergessen und Brett mit dem zufrieden, was sie hat: einen Freund, einen Job, eine schicke Wohnung. Doch als ihre Mutter Elizabeth stirbt, taucht die Liste wieder auf: Aus dem Mülleimer gefischt, hat ihre Mutter die Liste aufgehoben, und deren Erfüllung zur Bedingung gemacht, damit Brett ihr Erbe erhält – und zwar innerhalb von 12 Monaten.
Quelle: fischerverlage.de

Und so viel Spaß das Buch zwischendurch auch machte, so muss ich doch sagen, dass ich nicht selten zwischen erstaunt und schockiert pendelte. Die Protagonistin, immerhin 34 (!!!) Jahre alt, wird beschrieben – und verhält sich bisweilen – wie ein Kind. Da waren die weniger als halb so alten Protganistinnen der meisten Young-Adult-Romane, die ich im letzten Jahr gelesen habe, selbstständiger, selbstbewusster und, vor allem, selbstbestimmter.

Brett war für mich eine nette Figur, mit der mir auf den gut 350 Seiten nicht langweilig wurde, aber sie war ganz sicher keine Heldin, mit der ich mich irgendwie hätte identifizieren können. Im Gegenteil: Ich fühlte mich ab und zu ein wenig für dumm verkauft.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Mädels, die mit Katniss Everdeen groß geworden sind, sich so was gar nicht mehr bieten lassen. Soll heißen: Wie oben beschrieben beworbene Produkte nicht kaufen und Bücher mit stärkeren weiblichen Figuren verlangen.

Und wenn das nichts hilft, sollten wir uns weiter in Blogposts darüber aufregen. Und natürlich selbst einfach die Bücher schreiben, die wir uns wünschen.

Alena

 


8 Gedanken zu “Wir brauchen mehr Katniss Everdeens für Erwachsene

  1. Hm. Ich kenne leise catniss nicht aus den Büchern. Ich kenne jedoch Tris. Die junge Dame mit dem unvorteilhaften Namen Brett (in Wunder 5. Klasse in ‚Schland hätte sie eine schwere Zeit gehabt) ist nur nicht mal entfernt ein Begriff. Dennoch hier meine Überlegung:

    In unserer Jugend (also auch bei jungen Autoren) geht es noch sehr viel um Autonomieprozesse. Identität muss noch sehr gesucht, konstruiert und mit den Lebenswelten anderer abgeglichen werden.
    Wenn das Alter Ego im Buch also selbstbestimmt und all das ist… so schwingt da vermutlich mehr oder weniger viel von den Beschäftigungen des/der Autor_in mit.

    Später, gerade so im „normal alten“ Alter ist, ausgehend von nicht total fehlgeschlagenen Lebensentwürfen (und wessen Entwurf geht schon komplett auf), der Prozess des Ich-bildens meist zumindest grundlegend gefestigt. Das heißt nicht, dass nicht auch Sinneskrisen stattfinden. Es ist aber doch so, dass diese Krisen eine Basis haben, die sie in Frage stellen KÖNNEN! Anders als in der Jugend stellen wir uns eher in Frage, so wie wir uns konstruiert haben. Entsprechend vielfältiger sind unsere Probleme. Wir kämpfen nicht mehr darum Abends Bis zwölf aus dem Haus gehen zu dürfen. Wenn wir es wollen tun wir es. Oder doch nicht, immerhin muss ich morgen doch. . Aber du gönnst dir doch nie was und sowieso wolltest du…

    Kurz gesagt: wenn wir älter werden, ist es normal, dass Themen unserer Jugend neu aufarbeiten. Und das sl in der Regel über unsere eigene Person und nicht mehr über „externe Opposition“.

    Wenn wir uns als „stark“ ausgeprägt haben, ist das dennoch keine Garantie, dass wir in der Beschäftigung mit uns nicht die totalen Vollhorste sein können.

    Hoffe es ist klar geworden was ich eigentlich mql in kurz und prägnant im Kopf hatte…;-)

    Aber natürlich ist schlecht geschrieben nun mal schlecht geschrieben. Da hilft dann auch interpretieren wenig:-D

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    1. Danke für den ausführlichen Kommentar! Ich denke, du hast absolut recht, dass Themen wie Selbstfindung und Identitätskonstruktion zumindest in der Unterhaltungsliteratur bei jungen Protagonisten einen viel höheren Stellenwert haben als bei „richtigen“ Erwachsenen. Ich habe jetzt nur nicht ganz verstanden (sorry!) ob du meinst, dass diese Themen bei erwachseneren Geschichten dazu tendieren unterzugehen, weil es so viele andere Baustellen gibt, oder dass sie in dem Alter einfach nicht mehr so wichtig sind und Helden/ Heldinnen deshalb auch nicht mehr dementsprechend gestaltet werden? Oder hab ich es einfach ganz falsch verstanden?

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      1. Sie sind schon noch wichtig, aber aufgrund einer (meist) gefestigten Identität können Sie schlicht nicht die selbe Rolle einnehmen. Auch wenn ich nach meiner Identität Suche, ist diese Suche anders als bei jungen Menschen. Daraus folgend sind die Probleme und Beschreibungen Ende solchen Phase unterschiedlich.

        Als Beispiel: ich will selbstbewusst sein. Als Kind kann ich das (mehr oder weniger) unvoreingenommen umsetzen. Die Probleme die ich haben werde sind alle… Unikat. Neu und das erste mal.
        Sage ich mir das Selbe 20 Jahre später, sind da schon bekannte Hindernisse. Ich kann die selbenVversuche unternehmen wie mein junges Ich, aber ich werde vermutlich ganz andre Erkenntnisse haben. Wenig „ganz neues“.

        Ich kann mich nicht neu definieren. Ich kann mich umdenken, abschwächen, stärken etcetc. Aber ich kann mich nicht neu entwerfen. Denn meinem Ich ist bereits ein Stempel aufgesetzt.

        Für die Held_innen eines Buchs heißt das: der alle Konflikt kann beim Kind gut wirken, beim Erwachsenen unbeholfen, wenn wir versuchen eine drastische Neugestaltung im Charakter vorzunehmen.

        Als Beispiel: ein Mann in seiner midlifecrisis, der Hawaihemden anzieht (auf einmal) wird nicht offen und positiv erlebt… sondern amüsiert lächerlich. Weil eine zu große Diskrepanz zwischen aller und neuer Identität besteht.

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  2. Das Fehlen der starken Frauenfiguren im Erwachsenenalter ist, wenn man ein wenig darauf achtet, nicht zu übersehen, was ich eigentlich sehr schade finde, denn dadurch gehen einem viele interessante Perspektiven verloren. Und das ist der Punkt, wo man als Autor selber gefordert ist und mal darüber nachdenken sollte, wie die eigenen Figuren sind und warum sie entweder männlich oder nicht erwachsen sind – zumindest habe ich das bei meinen eigenen Figuren vor einiger Zeit mal festgestellt und dann entschieden, das zu ändern.
    Letztendlich müssen da aber die Buchkäufer (und vielleicht die Leute, die Bücher kommentieren & rezensieren) etwas anderes verlangen, damit sich auch im Buchhandel etwas ändert.

    Gefällt 2 Personen

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