Einfach mal mit anderen Augen sehen

Vor gut einem Jahr habe ich bei einer Schreibübung von Chuck Wendig mitgemacht: Wie könnte man eine Trennungsszene auf zehn verschiedene Arten beschreiben? Man lernt bei solchen Übungen wunderbar, sich in verschiedene Charaktere hinein zu versetzen, unterschiedliche Stimmungsbilder darzustellen und auch immer wieder andere Stimmen zu testen. Und das auch noch in kürzester Zeit, denn allzu lang sollten die einzelnen Teilchen natürlich nicht sein.

Aus aktuellem Anlass (wer mir auf Twitter oder Instagram folgt, hat bestimmt gesehen, dass ich einen kleinen Städtetrip hinter mir habe) habe ich mich dazu entschieden, eine ähnliche Schreibübung zu wiederholen – und euch einzuladen, mitzumachen. Wie könnte es sich anhören, wie man jemandem das Portemonnaie klaut? (Nein, mir ist es nicht passiert, aber meiner Reisebegleitung).

Foto: Pinterest.

1. Die Beklaute (Kopf-in-den-Sand-steck-Variante; nicht sehr förderlich)
Nein, nein, nein – das darf jetzt nicht passiert sein. Hilfe, was tue ich jetzt? OMG, wie kann ich ausreisen, mein Ausweis ist weg! Oh nein. Ich gehe mich schnell verkriechen.

2. Der Dieb/die Diebin
Ha, ein ganzes Portemonnaie! Die Touris sind aber auch leichtgläubig. Das Bild sieht hübsch aus. Vielleicht habe ich ein bekanntes Model beklaut? Naja, die hat dann sowieso genug Geld, kann ich mir auch was vom Kuchen abschneiden.

3. Die Beklaute (aktive Variante; sehr förderlich)
Shit. Welcher Vollidiot war das? Keiner mehr da, dem ich nachjagen könnte. Challenge accepted! Sperre ich gleich meine Kreditkarte, dann wird der Depp schon merken, dass er nur Zeit vergeudet hat. Erledigt, Karte ist tot. Okay, jetzt zu dem Polizisten da vorne. Wenigstens sieht er hübsch aus und nett ist er auch noch. Hilfreich war die Aussage obendrein. Zum Glück konnte er Englisch, jetzt weiß ich sogar, wo die Polizeiwache ist. Aber wieso bin ich eigentlich so doof und schleppe mein ganzes Zeug mit mir herum? Ja, ich weiß, weil ich einkaufen wollte, weil der Safe kaputt ist, und weil ich ein Hirni bin. Maaaan, jetzt muss ich meine Urlaubszeit in Ämtern verbringen statt in der Sonne am Strand. Learning by failing, sag ich da nur.

4. Der Straßenpolizist
Autsch, die arme Touristin. Und es ist auch noch alles weg, Ausweis, Karte und Führerschein? Na toll. Aber nett wirkt sie, nur leider gerade etwas panisch. Ist ja auch verständlich. Immerhin versteht sie mich, da kann ich ihr erklären, was sie zu tun hat. Und das Präsidium findet sie jetzt auch. Ein guter Tag, zumindest für mich.

5. Die Dame auf der Polizeiwache
Wieso kommt da schon wieder eine, die nicht auf ihr Zeug aufpasst? Eben die mit dem geklauten Handy, jetzt die mit dem Portemonnaie, da kommt noch eine, deren Handy weg ist und da – NEIN – noch ein Kerl, der zu blöd war, sich nicht beklauen zu lassen. Ich kann das Formular nicht mehr sehen, ich will es nicht mehr sehen, ich will keine Anzeigen mehr entgegennehmen und ich wollte heute früher Feierabend machen. Äh, Moment – wo ist mein Telefon?

7. Die Freundin der Beklauten
Wow, wer hätte eigentlich gedacht, dass man aus dem Konsulat den besten Panoramablick der Stadt bekommt? Das auch noch ohne Eintritt – zumindest ohne Ausweis, wenn man so will. Vielleicht sollte man sich einfach mal häufiger beklauen lassen. Und so unlustig die ganze Situation auch ist, es fühlt sich an, als spielten wir Mama und Kind – so wie früher als Kinder eben.
„Ich hätte irgendwie Lust auf ein Eis…“
„Mh, ich bin grad noch so voll gefuttert. Aber iss doch eins. Deine fünf Euro von vorhin hast du doch noch.“
„Ja, Mama, ich teile mir das Taschengeld ein.“

8. Der Mitarbeiter am Flughafen.
Ob sie ausreisen darf, mit der Anzeige der Polizei im Gepäck? Aber sicher doch. Ich hoffe ja, dass sie die guten Seiten der Stadt in Erinnerung behält, und nicht nur, dass sie bestohlen wurde… das tut mir unendlich leid für sie. Leider muss ich das hier am Flughafen viel zu oft mitbekommen. Ich entschuldige mich drei Mal bei ihr – wofür, weiß ich eigentlich auch nicht. Kommt mir aber irgendwie angemessen vor.

9. Und zu guter Letzt, zu ihrer Ehren: Noch einmal die Beklaute, die aktive, natürlich.
Wäre ich Sherlock Holmes, dann hätte ich den Mistkerl schon längst geschnappt. Leider bin ich nicht Sherlock, und leider läuft neben mir nicht Watson. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass wir hier nichts dekodieren und jagen können. Was ein Jammer.

Habt ihr noch eine Idee? Fügt doch einfach was hinzu in den Kommentaren – ich freu mich 😉

alexa


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