Erster Entwurf, ich hasse dich! (Ach nee, doch nicht…)

Der erste Entwurf ist eigentlich was Tolles. Er ist frisch, man darf alles, auch Fehler machen, und wenn man fertig ist, darf will kann man alles wieder ändern. Dafür lieben und hassen wir ihn gleichermaßen zumindest ein bisschen, siehe mein älterer Post über die Hass-Liebe zum ersten Entwurf. (Einen sehr schönen Post zum Thema Rohfassung und Überarbeitung habe ich kürzlich auch bei Katrin Ils entdeckt.)

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Geliebter erster, zweiter… fünfzigster Entwurf

Trotzdem wünsche ich mir manchmal, mein aktuelles WIP hätte einen Hals – und zwar, damit ich ihn ihm umdrehen kann. Zum Beispiel, wenn mir drei Kapitel tief in der Handlung einfällt, dass ich die falsche Perspektive gewählt habe. Oder wenn die Erzählstimme mir durch die Finger rinnt und ich den Ton nicht treffe. Wenn sich plötzlich jeder Satz hölzern anfühlt und ich, verdammt nochmal, keine Ahnung habe, woran es liegt.

Bis ich es weiß. Und meistens passiert das nicht im ersten Entwurf, manchmal auch nicht im zweiten. Deshalb gebe ich es zu: Den ersten Entwurf kann ich nicht sonderlich leiden. Er fühlt sich für mich stets so an, als wollte ich die perfekte Version des Texts, die in meinem Kopf ein federleichtes, brillant formuliertes Eigenleben führt, in eine grob geschnitzte Form bringen, was dann grandios misslingt. (Natürlich.)

Aber dafür liebe ich den ersten Entwurf: Wenn ich ihn zusammengeschustert habe, bildet er die Grundlage für den zweiten und alle darauf folgenden Entwürfe. Und das sind für mich die Gefilde, wo der Spaß so richtig anfängt. Auch hier kann es nervenzehrend werden – wer schreibt schon gern ganze Handlungsstränge um, wenn dadurch der Plot auseinanderfällt und sich tausend kleine Folgeaufgaben ergeben? Aber unterm Strich – ist es nicht herrlich, an einem rohen Text so lange zu feilen, bis man eine Form herausgeabeitet hat, die der idealen Variante möglichst nahe kommt?

Das ist der Teil, den ich am Schreiben am meisten liebe: Den ersten Entwurf, der bei mir meistens ein rohes, grob gearbeitetes Stück Plot ist, in einen schönen Text zu bringen, auf den ich stolz bin.

Wie sieht’s bei euch aus? Arbeitet ihr auch mit groben ersten Entwürfen?

Alena


9 Gedanken zu “Erster Entwurf, ich hasse dich! (Ach nee, doch nicht…)

  1. Hallo Alena,
    ich versuche immer, den ersten Entwurf bereits so gut (perfekt ist ein blödes Wort, weil es wirkliche Perfektion kaum gibt) wie möglich hinzukriegen, auch sprachlich. Ich erlaube mir natürlich auch, Passagen schlecht zu schreiben oder überspringe Dinge im ersten Entwurf, weil ich weiß, dass ich später noch ergänzen, streichen und überarbeiten kann.
    Das heißt auch nicht, dass ich nicht überarbeite, auch ich erstelle eine 2., 3., 4. Version eines Textes. Aber wenn ich Bach dem Plotten mit dem Schreiben beginne, achte ich darauf, es so nah wie eben möglich an das gewünschte Ergebnis heranzubringen.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
    Nina

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  2. Bei mir läuft es total unterschiedlich. Manche Ideen schreiben sich förmlich von allein, so dass ich am ersten Entwurf auch schon echten Lese-Spaß habe und andere wiederum sind zäh und widerspenstig. Wenn ich diese dann „gezähmt“ habe, bin ich zwar machmal mit den Schreib-Nerven ein wenig zu Fuß aber auch stolz. Das Schreiben an sich ist doch ein echtes Abenteuer! 🙂

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  3. Hm. Am Plto ändert sich in der Regel nicht soo viel, aber der erste Entwurf liest sich bei mir häufig wie ein Drehbuch: Dialoge, Handlungsanweisungen, ungefähr halb so viele Beschreibungen wie eigentlich nötig sind, damit die geneigten Leser*innen beim Weltenbau mitkommen.

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