Aus der Zeit gefallen? Wieso wir zeitliche Referenzen in unsere Texte bauen sollten, und wieso nicht

Nachdem ich vor Kurzem Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley gelesen hatte, hat mich der Stoff rund um die Artus-Sage nicht losgelassen. Ich habe mir die Verfilmung von 2001 angesehen und gleich darauf Merlin, den Film aus dem Jahr 1998, der aus anderen Perspektiven grob dieselbe Geschichte erzählt.

Quelle: Pinterest

Und obwohl eine gute Geschichte eine gute Geschichte bleibt, hatten beide Filme, im Jahr 2015 angesehen, etwas leicht Befremdliches. Ihren Teil dazu beigetragen haben die Spezialeffekte und Animationen, die denen von heute qualitativ kein bisschen mehr ähnlich sind. Das, was damals total hip war im Filmgeschäft, das kennt man heute nicht mehr.

Neben Animation und Effekt waren es zum Teil aber auch die Kostüme, die Frisuren und das Styling, die den Film aus heutiger Sicht eigenartig erscheinen ließen. Das Buch Die Nebel von Avalon (sogar noch älter, nämlich von 1983 – ganz zu schweigen von der Artus-Sage, auf der es beruht, die natürlich noch viel älter ist) scheint aus der Zeit gefallen zu sein bzw.  ermöglicht uns, unsere Fantasie spielen zu lassen. Dagegen scheinen die Figuren in beiden Filmen in historischen Kostümen zu stecken, die trotzdem den Moden der Entstehungszeit der Filme entsprechen. Ergo: Später 90er-Jahre-Style.

Ist diese Referenz zur Entstehungszeit der Filme – und in Büchern erleben wir ab und zu Ähnliches – gut oder schlecht? Sollten wir in unsere Texte Bezüge zu Popkultur, Tagespolitik oder Moden einbauen?

Nachteil: Der Text altert dadurch sichtbarer. So, wie ich den Filmen ansehen konnte, dass sie fünfzehn Jahre alt sind, einfach weil die Mode sich geändert hat. Und das, obwohl alle Figuren eigentlich historische Kostüme tragen – eigentlich, denn Farbe und Schnitt sind dann eben doch irgendwie nicht ganz historisch, sondern 90er. Wenn ein Text „jetzt“ spielt, kann er sich für mehrere Jahre aktuell anfühlen, wenn er nicht durch zu viel Aktuelles genau verortet wird.

Vorteil: Das Einbauen von Details, die den Zeitbezug herstellen, macht den Text lebendiger und realistischer. Ein realistisches Jugendbuch, in dem Facebook und WhatsApp nicht vorkommen, wirkt eben nicht realistisch – außer es spielt in den frühen 2000er Jahren, bevor Facebook gegründet wurde. Andersherum: WhatsApp gibt es erst seit ungefähr 2010 und darf in Handlungssträngen, die weiter zurückreichen, nicht vorkommen.

Ebenso kann das Erwähnen von zeitgenössischen Liedern oder Filmen die Handlung zeitlich sehr genau verorten – was in fünf oder zehn Jahren dazu führen kann, dass der Text sich „alt“ anfühlt. Den Leserinnen und Lesern heute kann es dadurch aber umso besser gefallen, weil sie eine stärkere Beziehung zu Handlung und Figuren aufbauen (können), die ähnliche Dinge tun, hören, sehen wie sie selbst. Und, Hand aufs Herz: Geht es uns mit unseren Texten nicht irgendwie darum, dass sie jetzt jemandem gefallen? In fünf oder zehn Jahren…da haben wir die nächsten zwei Geschichten verfasst. Oder so. 🙂

Wie geht ihr mit Moden, aktuellen Ereignissen etc. in euren Texten um? Einbinden, rauswerfen – wie ist eure Strategie?

Alena

 


7 Gedanken zu “Aus der Zeit gefallen? Wieso wir zeitliche Referenzen in unsere Texte bauen sollten, und wieso nicht

  1. Ich glaube, es ist einfach unvermeidlich, Zitate aus der Populärkultur einzubauen. Man baut eben das ein, wovon man umgeben ist, oft auch unbewusst. Weil man in dieser Welt lebt, in der bestimmte Anspielungen allgegenwärtig sind.
    Da meine Projekte irgendwie immer entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielen, ist es für mich meist kein Thema, aber WENN sich mal die Gelegenheit ergibt, einen Verweis auf die Popkultur einzubauen, mache ich das sehr gerne und grinse mich halbtot ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Da ich gern mit Playlisten arbeite, um mich beim Schreiben von bestimmten Szenen in die richtige Stimmung zu bringen, erwähne ich das Lied dann auch manchmal gern – es wird dann gerade im Radio gespielt oder so 🙂 Bin dann auch immer ganz stolz auf mich 😛

      Gefällt 2 Personen

  2. Richtig interessant wirds doch, wenn man jetzt eine Geschichte schreibt über beispielsweise die 60er… wie holt man das Zeitgefühl von damals so her dass es für die leserschaft von heute interessant ist? Ich bin ja leider keine Geschichtenscheiberin…

    Gefällt 1 Person

  3. Ich schreibe in verschiedenen Fantasy Subgenres und würde differenzieren:
    In der High Fantasy und Sword-and-Sorcery haben historische Bezüge nichts verloren.
    In der historischen Fantasy müssen klare historische Bezüge vorhanden sein, schon weil historische Fantasy ohne Zeitbezüge keine historische Fantasy wäre. Je nach Anspruchshaltung von Leser und Autor reichen allerdings schon Versatzstücke, die (ähnlich den Filmkostümen) selbst wieder Moden unterliegen.
    In der urbanen Fantasy sind Zeitbezüge m. E. unvermeidlich, weil selbst Kleinigkeiten wie Kleidung und Nahrung Trends unterliegen. Ich finde das allerdings nicht schlimm. Urban Fantasy soll realistisch wirken, d. h. wie etwas, das sich wirklich gerade vor der Haustür abspielt. Dazu braucht die Geschichte solche „Realitätssplitter“, die sie in der Gegenwart verankern genauso, wie historische Fantasy die Zeitbezüge braucht, um die geschichtliche Epoche zu verdeutlichen, in der sie spielt.

    Andererseits glaube ich auch, dass es ganz andere Faktoren sind, die Texte modern oder unmodern wirken lassen. Sonst würde z. B. Dracula, der im Original vollkommen auf Höhe seiner Zeit agiert, heute nicht mehr gelesen werden.

    Gefällt 1 Person

    1. Da hast du Recht – bestimmte Themen sind universell, und wir lesen sie trotz oder manchmal auch wegen der Zeitbezüge. Ich denke, man sollte sich bewusst sein, welche Art Buch man schreibt und ob die Zeitbezüge nötig/sinnvoll sind und in welchem Rahmen. Da ich viel Urban Fantasy schreibe, finde ich es immer schwierig zu entscheiden, wie viel Zeitbezug ich brauche und wann es zu viel wird. Irrtiert es Leser zum Beispiel fünf Jahre später schon, wenn ich die Titel aktueller Songs oder Filme nenne? Oder wird es dadurch erst richtig authentisch? Immer wieder schwer zu entscheiden…

      Gefällt 1 Person

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s