Boy meets Girl bis zu komplexen Moralfragen: Gibt es Grenzen, was in YA als Liebesgeschichte durchgehen kann?

Ich liebe es, dass im Jugendbuch derzeit fast alles geht: seicht und anspruchsvoll, märchenhaft und realistisch, fantastisch und bodenständig. Während manche Plots die großen Fragen des Lebens aufwerfen, nehmen andere uns mit auf eine spannende Reise, die wir vergessen, sobald wir sie hinter uns haben – nicht mehr und nicht weniger.

Entsprechend sind auch die Botschaften, die sich hinter den Plots verbergen, mal mehr und mal weniger kompliziert. Von komplexen Moralfragen bis zu Boy meets Girl und am Ende wird alles gut ist alles dabei.

Und dann gibt es diese Plots, deren Botschaft auf so gedankenlose Weise abwegig oder vielleicht auch einfach nur schlecht durchdacht ist, dass sie mir unter die Haut gehen, und das nicht auf eine gute Art.

Gerade passiert ist mir das mit „Zorn und Morgenröte“ von Renée Ahdieh. Es war eins der Bücher, die diesen Sommer auf meiner Leseliste standen. Passte auch super, bei dem märchenhaft schönen orientalischen Setting, das mich, nebenbei bemerkt, auch wirklich überzeugt hat. Der Rest des Buches – not so much.

Die Geschichte ist angelehnt an die Märchen aus 1001 Nacht. Darum geht’s:

Jeden Tag erwählt Chalid, der grausame Herrscher von Chorasan, ein Mädchen. Jeden Abend nimmt er sie zur Frau. Jeden Morgen lässt er sie hinrichten. Bis Shahrzad auftaucht, die eine, die um jeden Preis überleben will. Sie stehen auf verschiedenen Seiten und könnten unterschiedlicher nicht sein … Und doch werden sie magisch voneinander angezogen …
Quelle: Lübbe One

Ich weiß, dass das Buch viele Leser extrem begeistert hat und war deshalb gespannt, was mich erwartet. Allerdings war ich bereits zu Anfang ziemlich schnell extrem irritiert. Nun ist das hier kein Rezensionspost und ein solcher wäre auch überflüssig, da die sehr durchdachte Rezension von Anabelle von stehlblueten es bereits auf den Punkt bringt. Unterm Strich lässt sich meine Irritation aber so zusammenfassen: Wieso verliebt sich eine (zumindest der Beschreibung nach) starke Heldin innerhalb von gefühlt drei Sekunden in einen Massenmörder, der wohlgemerkt ihre beste Freundin auf dem Gewissen hat und den sie eigentlich hat töten wollen? Nur, dass es dann irgendwie doch nicht dazu kommt? Und wieso ist der Bad Boy mit der gemarterten Seele mal wieder doch eigentlich nur ein kleiner Junge, der Liebe verdient um ihn zu erlösen?

In seinem genialen Post zu einem ähnlichen Thema schreibt Fabian von Herr Booknerd:

In Jugendbüchern erfüllen Jungen im Grunde eine Aufgabe, nämlich die irgendwie hot zu sein, die Protagonistin schlecht zu behandeln und dabei möglichst wenig, am besten gar keine Persönlichkeit an den Tag zu legen.

Ich frage mich wirklich, was mir solche Männerfiguren sagen sollen, und die Frauenfiguren, die das auch noch gut finden. Was bitte ist hot daran, wenn das Love Interest sich der Protagonistin gegenüber völlig arschlochhaft inakzeptabel verhält und/oder moralisch absolut untragbare Dinge tut? Reicht es für eine männliche Figur aus, dabei einfach zum Umfallen gut auszusehen und eine schlimme Kindheit vorweisen zu können? Ich finde das erstens unrealistisch, auch wenn die Basis der Geschichte hier ein Märchen ist, zweitens abstrus und drittens, ja, abstoßend.

Es ist absolut nichts dagegen einzuwenden, Irrungen und Wirrungen in eine Liebesgeschichte einzubinden durch vermeintlich gemeine Taten, die sich dann irgendwie wieder aufklären. Alles okay! Aber manches ist einfach so unverzeihlich (Mord an der besten Freundin?!), dass mir schleierhaft ist, wie da noch unsterbliche Liebe aufkommen soll.

Ich weiß, dass unsere Leser und Leserinnen im Jugendbuch nicht von uns belehrt werden müssen (oder wollen!), aber Bücher wie „Zorn und Morgenröte“ werfen bei mir doch die Frage nach der Verantwortung auf. Die hauptsächliche Leserschaft dieser Art Buch sind junge Mädchen – und was sagen wir denen mit einer solchen Botschaft? Im Jugendbuch wird viel gekämpft und getötet. Ich habe kein Problem damit, wenn die Protagonisten da mitmischen, solange es um Kampf und Auseinandersetzung von Gut gegen Böse geht. Aber was soll ausgesagt werden, wenn Chalid die Ermordung unzähliger unschuldiger Frauen angeordnet hat? Es ist trotzdem okay, ihn zu lieben, weil auch Mörder Zuneigung verdienen? Es ist okay, sich auf seine Seite zu stellen, obwohl er den Menschen, die du liebst, Schlimmes angetan hat? Es ist okay, dass er ein Massenmörder ist, solange er es gut begründen kann?

Fazit: Bad Boys hin oder her, die Faszination verstehe ich noch. Aber es gibt eine Grenze zwischen dem, was hot ist und dem, was einfach nur noch falsch ist. Für mich wurde diese Grenze in „Zorn und Morgenröte“ überschritten.

Sagt mir, was ihr darüber denkt! Habt ihr das Buch gelesen und vielleicht eine andere Meinung dazu? Sehr ihr ähnliche Probleme bei anderen Büchern?

Alena


8 Gedanken zu “Boy meets Girl bis zu komplexen Moralfragen: Gibt es Grenzen, was in YA als Liebesgeschichte durchgehen kann?

  1. Halloechen Alena,
    bis vor 2 Minuten war mir der Inhalt des Buches, bzw. worum es geht noch völlig unbekannt.
    Normalerweise fallen „Bad Boy-Bücher“, ( Rockstars, die Bad Boys sind, Biker-Bad Boys“) nicht in mein Lese-Beuteschema.
    Bei “ Zorn und Morgenröte “ würde ich wahrscheinlich einfach nur Zorn beim Lesen verspüren.
    Der Mord an einer Freundin ist in meinen Augen eigentlich unverzeihbar und kann auch nicht damit aufgewogen werden, dass der Mörder so eine schlimme Vergangenheit hatte und man jetzt sein unnahbares Herz knacken muss. Vor allem, weil man in den seltensten Fällen etwas zurück bekommt vom Bad Boy.
    Wie wäre es denn mal mit nem „Nerd- Bad Boy“? Dann würden alle Klischees mal so richtig bedient.🙌😃
    Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

  2. … Meh. Ich meine, die Rahmengeschichte von 1001 Nacht ist moralisch gesehen auch kaum auf höherem Niveau angesiedelt, und manche der gesammelten Erzählungen sind auch nicht besser, aber die Original-Shehrazade (Vokale wie immer im Arabischen optional) war wenigstens clever.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich hatte schon mit Steffi (Fieberherz) darüber geschrieben und finde die Unterschiede zwischen dem Original und der „Nacherzählung“ elementar:
    Im Original ist der Sultan anfangs eigentlich kein schlechter Kerl. Er wird erst dazu, nachdem er erst von seinen Frauen betrogen und anschließend von einer Fremden unter Todesandrohung zum Sex gezwungen wurde. Danach ist seine Meinung von Frauen so schlecht, dass er beschließt, nie mehr länger als eine Nacht mit einer zusammen zu sein und sie am Ende zu töten, um nicht wieder betrogen (bzw. verletzt) zu werden.
    Das macht seine Motive m. E. nicht besser, aber zumindest verständlicher, als dieser Murks von der schlimmen Kindheit.
    Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Sheherazad keine Augenzeugin eines Mordes ist, nicht vergewaltigt wird (genauso wenig, wie Dinarzad, deren Schwester, die die ganze Zeit als Zuhörerin dabei ist), dafür aber von Anfang an aus Kalkül (keinesfalls aus Rachsucht) handelt. Außerdem ist es der Sultan, der sich am Ende in sie verliebt – davon dass sie jemals in ihn verliebt gewesen wäre, ist nicht die Rede.
    Und Korinthe am Ende: Kriminologisch wäre der Sultan als Serientäter, nicht als Massenmörder einzuordnen.

    Und darin, dass die Botschaft von „Zorn und Morgenröte“ völlig daneben ist, sind wir uns einig.

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    1. Ich finde es generell etwas befremdlich, wenn Bücher sich Sagen, Märchen etc. zum Vorbild nehmen, dann aber auf völlig unverständliche und die Sache keineswegs besser machende Weise von der Vorlage abweichen. Und dann auch noch mit fragwürdiger Botschaft! Und danke übrigens für die Aufklärung in kriminologischen Dingen 😉

      Gefällt 1 Person

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