Brain Snack: Es kommt darauf an wie stark dein Wille ist, dein Ziel zu erreichen! – Interview mit der Profi-Triathletin Natascha Schmitt

Brain Snack featured ImageHeute haben wir in unserer neuen Reihe Brain Snacks eine ganz besondere Powerfrau zu Gast: Natascha Schmitt ist professionelle Triathletin und läuft in diesem Jahr einen Erfolg nach dem anderen nach Hause: Vierte beim Ironman 70.3 Kraichgau, Start- und Zielsieg beim Ironman 70.3 Luxembourg und direkte Qualifikation für die Ironman 70.3 Weltmeisterschaft in Mooloolaba. Und Anfang Juli wurde sie vierte der Ironman EM und Dritte der Deutschen Meisterschaft auf der Langdistanz in Frankfurt – mit neuer Bestzeit. Jetzt freut sie sich auf die Ironman 70.3 WM in Australien und versucht nebenbei noch, sich für die Ironman WM auf Hawaii zu qualifizieren.

Solche Erfolge kommen natürlich nicht über Nacht, sondern sind das Ergebnis sehr harter Arbeit, eine starken Willens und der Kunst, nie den Fokus zu verlieren. Auch als Schriftsteller können wir von solchen Geschichten viel lernen, denn das Schreiben und der Sport haben eine ganz wichtige Gemeinsamkeit: Man braucht Zeit, wenn man gut darin sein will, und man muss hartnäckig dabeibleiben. Ich freue mich deswegen sehr, dass wir Natascha einige Fragen zum Training, dem inneren Zweifel und sportlichen Erfolgen und Enttäuschungen stellen durften.

 

Wenn wir schreiben, wissen wir häufig nicht einmal, ob unsere Geschichte irgendwann das Licht der Welt erblickt und wenn sie es dann tut, ob sie ein Erfolg wird. Im Sport ist das ähnlich: Man legt Kilometer für Kilometer zurück und auch wenn die Trainingszeiten immer besser werden, weiß man trotzdem nicht, ob man seine Leistung abrufen kann wenn’s drauf ankommt. Tagesform, Wetter und Konkurrenz können einen Wettkampf ganz schön beeinflussen. Wie motivierst du dich zu deinen Trainingseinheiten, wenn du einmal an dir und deiner Leistung zweifelst?

14114485_10208832388719160_1732469784_oMeine Einstellung lautet, um so härter du im Training arbeitetest um so leichter fällt dir der Wettkampf. Das ist dann die Belohnung vieler Trainingsstunden. Aber natürlich gebe ich dir Recht, es gibt auch viele Tage, an denen du keine Lust auf Training hast oder dich fragst, warum du dies eigentlich alles auf dich nimmst. Ich denke dann immer an vergangene Erfolge und schöne Momente zurück und sage mir, das möchte ich gerne wieder erreichen bzw. noch verbessern. Zudem denke ich bei fast allen Einheiten an mein jeweiliges Ziel das ich vor Augen habe, wie ich mich dann fühlen werde, wie die Stimmung sein wird und versuche mich so immer wieder anzutreiben, das Bestmögliche aus meinem Körper herauszuholen. Nach einer Einheit ist man dann auch immer froh, sie doch gemacht zu haben, andernfalls plagt mich das schlechte Gewissen.

Du startest ja bei richtig langen Triathlon-Wettkämpfen, an deren Ende auch noch ein Marathon steht. Mich erinnert so eine Langdistanz ein bisschen an das Schreiben eines Buches: Du fängst an, steckst irgendwann weit mittendrin, aber du bist lange noch nicht fertig. Dann kommt der Zweifel: Der Text ist nicht gut genug, ich habe keine Ideen mehr, am besten, ich lege das Ding zur Seite. Es gibt bei so langen Wettkämpfen sicher auch den Moment, in dem die Beine schmerzen und man am liebsten stehenbleiben würde. Aber aufhören kommt nicht infrage, oder?

„DNF is no Option“ sollte eigentlich das Motto sein, doch auf der Langdistanz kann viel passieren. Bevor ich mit Langdistanzrennen begonnen habe, konnte ich dem Motto auch immer gerecht werden. Egal was in einem Rennen passiert ist, wenn ich am Start stand bin ich auch ins Ziel gekommen. Im Wettkampf kommt oft der Moment, bei dem man denkt ich höre jetzt einfach auf, dann sind alle Schmerzen vergessen und ich muss mich nicht mehr schnell bewegen. Doch zum Glück gibt es da im Körper eine Stimme (schlechtes Gewissen), die immer wieder dagegen arbeitet und sagt, du kannst nicht aufgeben. Innerlich kämpfst du bei einer Langdistanz mehrere Male mit „Engelchen und Teufelchen“. Irgendwann kommst du einfach an den Punkt, an dem es hart wird und du dich quälen musst, um deine Geschwindigkeit aufrecht zu halten oder zu beschleunigen. In diesen Momenten kommt es darauf an, wie stark dein Wille ist, dein Ziel zu erreichen oder das „Ding“ einfach nur zu Ende zu bringen und den Schmerzen den Kampf ansagen zu können.

Du hast in diesem Jahr das Rennen der Ironman Europameisterschaft in Frankfurt mehr als sechs Stunden angeführt, wurdest am Ende vierte. Das ist ein riesiger Erfolg, aber einen Platz auf dem Treppchen hättest du dir sicher auch gewünscht. Wie ist das: Hast du jetzt erst recht Lust auf die nächsten Rennen, weil du gesehen hast, was dein Körper schaffen kann, oder warst du erst einmal enttäuscht und musstest dich zur nächsten Trainingseinheit überwinden?

Nach dem Schwimmen und Radfahren war ich bereits mit mir „im Reinen“. Ich hatte meine Leistung abgerufen und meine Chance genutzt und genau das Ergebnis erzielt, was mein Trainer vorher berechnet hatte. Im Vorfeld hatte ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen ausgerechnet das Rennen so lange anzuführen und mit einem so großen Vorsprung auf die Laufstrecke zu wechseln. Ich habe das Rennen einfach genossen und großen Spaß gehabt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits einfach zufrieden mit dem Rennen, da ich endlich bewiesen hatte, dass ich auch 180 Kilometer Radfahren kann und nicht nur 90 Kilometer, wie in vergangenen Rennen. Der Spaß war dann ab der Hälfte der Laufstrecke vorbei. Ab da an hatte ich keinerlei Kontrolle mehr über meine Beine und musste eine Konkurrentin nach der anderen ziehen lassen. Das war mental sehr hart, aber in diesem Rennen habe ich keinen Gedanken daran verschwendet das Rennen vorzeitig zu beenden. Am Ende wurde ich zum dritten Mal in dieser Saison Vierte. Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht, aber ich konnte mir keinen Vorwurf machen. Ich hatte alles gegeben und wusste, dass ich aufgrund meiner Verletzung im Frühjahr im Marathon leiden werde. Immerhin war es eine neue Bestzeit und das deutlich beste Ergebnis auf einer Langdistanz für mich, sodass ich mich auch sehr schnell mit dem Gesamtergebnis anfreunden konnte. Zwei Tage nach dem Rennen habe ich mir die gesamte Übertragung nochmal angeschaut und das Rennen für mich verarbeitet, seitdem ist das Rennen abgehakt und ich denke mir „jetzt erst recht“. Jetzt weiß ich was ich kann und bin noch motivierter als vorher. Das Rennen hat mir gezeigt, was in den nächsten Jahren möglich ist, wenn alles zusammen passt. Zudem hat mir dieser Wettkampf sehr viel Selbstbewusstsein für die kommenden Rennen gegeben. Mein Körper war nach diesem Ergebnis relativ schnell wieder bereit, um nochmal richtig anzugreifen und nochmal alles im Training aus mir heraus zu holen. Vorwiegend standen dann meine schwächeren Disziplinen Schwimmen und Laufen auf dem Programm, um auch wieder Spaß beim Laufen zu finden und das Rennen nicht mehr in der letzten Disziplin zu verlieren.

Wie viel Regenerationszeit braucht man eigentlich nach so einem langen Wettkampf? Kannst du da gleich am nächsten Tag weitermachen, oder musst du erst einmal Kopf und Beine wieder frei kriegen und dich ausruhen?

Nach meinen ersten Langdistanzen hatte ich erst mal keine Lust mehr auf Training. Man trainiert im Vorfeld sehr viele Stunden, verzichtet auf viele Dinge und fiebert dem Tag entgegen und danach ist man froh auch wieder normalen Dingen wie Freunde treffen, einfach mal „Nichts“ zu tun etc. nachgehen zu können. In diesem Jahr war das allerdings anders. Nachdem ich mir die Übertragung angeschaut hatte, hatte ich das Rennen für mich verarbeitet und hatte wieder Lust und die neuen Ziele fest im Blick. Ich wollte nochmal alles, was in meiner Macht steht versuchen, um bei den nächsten Rennen nochmal einen raushauen zu können. In der ersten Woche stand allerdings die Erholung im Vordergrund. Ich habe mich jeden Tag locker bewegt, aber immer nur 30-45 Minuten und habe die Laufschuhe noch im Schrank stehen lassen. In der zweiten Woche habe ich bereits wieder mit dem Grundlagentraining begonnen und schon wieder relativ viele Umfänge gemacht, allerdings ohne Tempo alles nach Gefühl ohne Minuten pro Kilometer, ohne Wattvorgaben oder Zeit. In der dritten Woche habe ich wieder mit dem normalen Training begonnen und einen dreiwöchigen Trainingsblock für die Ironman EM und WM begonnen. Die Regenerationszeit ist aber immer unterschiedlich. Ich versuche da ganz genau auf meinen Körper zu hören, wann ich wieder richtig los legen kann (körperliche und mentale Erholung müssen weitgehend abgeschlossen sein). Bei meinen ersten Langdistanzen habe ich ungefähr zwei bis drei Wochen gebraucht um wieder ins Training einsteigen zu können. In diesem Jahr war ich bei 10 Tagen, nach denen ich mich wieder frisch gefühlt habe.

Was würdest du Leuten mitgeben, die sich auf einen Marathon vorbeireiten – entweder auf einen, bei dem 41,16 Kilometer gelaufen werden oder einen Schreibmarathon, an dessen Ende ein fertiger Roman stehen soll?

Erst mal ist die physische Vorbereitung das „A und O“, da man dann auch selbstbewusster wird und weiß, was man kann. Man kann dann mit einem guten Gefühl ins Rennen starten, da man weiß, alles Mögliche getan zu haben. Dann kommt noch die mentale Vorbereitung hinzu, die natürlich bei einem so langen Rennen sehr entscheidend ist. Auch hier kann man sich im Vorfeld Strategien antrainieren, die man dann im Rennen abrufen kann. Zum Beispiel überlegt man sich Lieder, die einen motivieren und die man mag, die man sich in schwierigen Situationen ins Gedächtnis ruft und versucht von den eigentlichen Schmerzen abzulenken. Zudem kann man sich sogenannte „Anker“ setzen, die neue Energie verleihen. Das kann z.B. eine Person sein, die an der Strecke auf einen wartet oder einfach alltägliche Dinge, wie ein Kanaldeckel über den man läuft und sich sagt, wow habe gerade eine Auffüllung meiner Batterie erfahren. Grundsätzlich ist es wichtig, immer positiv zu denken und keine negativen Gedanken zuzulassen.

Danke dir!

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Natascha Schmitt ist Diplom-Sportwissenschaftlerin, Profi-Triathletin und selbstständige Personaltrainerin. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit Leichtathletik, wo sie einige Jahre später in den Hessischen Landeskader aufgenommen wurde. Nach einigen Verletzungen entschied sie sich 2009 ihr Glück im Triathlon zu versuchen. Der Versuch endete mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft über die Kurzdistanz in ihrer Altersklasse – der Auftakt zu ihrer Karriere als Triathletin. Ein Jahr später wurde sie Europameisterin in ihrer Altersklasse beim Ironman 70.3 und meldete sich kurzentschlossen als Profi-Triathletin an.

Ihr findet Natascha auf ihrer Homepage und auf Facebook.

 

 

Über den Ironman
Ironman ist eine geschützte Marke der World Triathlon Corporation, die zahlreiche Triathlon-Wettkämpfe ausrichtet. Ein Triathlon besteht aus den drei Disziplinen schwimmen, Radfahren und laufen – immer in dieser Reihenfolge. Beim Ironman 70.3 stehen 1,9 km Schwimmen, 90 km Radfahren und 21,1 km Laufen auf dem Plan. 70.3 steht dabei für die Gesamtdistanz gemessen in Meilen. Die Distanzen beim doppelt so langen Ironman sind demnach 3,86 km Schwimmen, 180,25 km Radfahren und 42,16 km Laufen.

 

 

 


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