or not: Warum wir beim Schreiben an uns selbst glauben sollten

img_3930Nach dem Manuskript ist vor dem Manuskript: Wenn der Text aus unserer Sicht „fertig“ ist, geben wir ihn Testleserinnen und Testlesern. Wir holen uns zweite, dritte, vierte Meinungen ein. Das ist super, weil wir uns manchmal komplizierter ausdrücken als nötig, weil Handlungsstränge auf Außenstehende nicht so sinnvoll wirken wie auf uns Schriftsteller, oder weil Figuren, die wir als Nebencharaktere geplant haben, zu everbody’s darling werden (und es echt gut ist, wenn wir das wissen 😉 ).

Trotzdem ist es mit dem Schreiben wie mit vielen anderen Dingen auch: Wenn zu viele unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, entsteht ein einziges Wirrwarr an Ideen, Handlungssträngen, Dialogfetzen. Wenn wir also das Feedback von Leserinnen und Lesern bekommen, sollten wir das Ernst nehmen und uns an der ein oder anderen Stelle fragen, ob der Plottwist wirklich notwendig ist, oder ein Darling, den wir killen sollten. Wenn er für uns zur Geschichte gehört, ist das okay. Wenn wir ihn ebenso gut weglassen können, ohne dass es der Handlung weh tut, dann ist das auch okay.

Alena und ich schreiben seit Jahren zu zweit, und wir haben fast immer die gleiche Vorstellung davon, wie unsere Figuren sein sollen, wie sich die Handlung an welchem Wendepunkt entwickeln soll. Trotzdem sind wir uns gegenseitig immer unsere erste Kritikerin, streichen Szenen, basteln neue dazu. Das Feedback von Testleserinnen und Testlesern kommt bei uns erst ganz zum Schluss. Denn dann wissen wir genau, welche Anmerkungen zu unserem Roman passt oder nicht (und welche an sich vielleicht passen würden, wenn man die Backstory noch nicht genau kennt – wenn man sie aber im Hinterkopf hat, weiß man genau, dass man diese wirklich gute Rückmeldung nicht einbauen kann, weil man sonst zu viel verrät). Das heißt nicht, dass wir uns nicht zwischendurch auch Meinungen einholen. Sind wir uns nicht sicher, ob dieser eine psychologische Handgriff sinnvoll und stimmig ist, fragen wir zum Beispiel jemanden, der mehr Ahnung von Psychologie hat als wir. Das ist wichtig, denn fußt ein Handlungsstrang auf einem unlogischen Konstrukt, funktioniert die Geschichte nach hinten raus nicht.

Lesermeinungen sind wichtig, damit uns Logikfehler auffallen, die man als Schriftsteller (auch als Duo) nicht mehr sieht – einfach deshalb, weil man zu tief in der Geschichte drin steckt. Aber je mehr Feedback wir uns als Schriftsteller einholen, umso unterschiedlicher werden die Reaktionen. Jeder wird an unterschiedlichen Stellen sagen, wie wir sie lösen können, was wir hier und da einarbeiten könnten. Und dann können wir es tun – oder auch nicht. Wichtig ist, dass wir konstruktiv mit den Rückmeldungen umgehen, unserem Text aber trotzdem treu bleiben. Wir müssen am Ende hinter der Geschichte stehen, müssen sie lieben. Es muss unsere Geschichte bleiben, unabhängig davon, wie andere sie geschrieben hätten. Denn letztendlich werden wir dann Erfolg mit ihr haben: Wenn wir sie so lieben, dass wir anderen von ihr erzählen wollen, weil wir sie so toll finden. Und zwar so, wie sie ist. Wir sollten hinter jedem der Worte stehen. Und deshalb sollten wir auf unsere Leserinnen und Leser hören – und sollten trotzdem auch an das glauben, was wir uns ausgedacht haben. Wir sollten an uns glauben.

Wie ist das bei euch: Holt ihr kontinuierlich Feedback ein, oder lasst ihr Außenstehende erst ganz zum Schluss einen Blick auf den Text werfen? Und was macht ihr mit dem Feedback – alles einarbeiten, oder genau abwägen?

alexa


6 Gedanken zu “or not: Warum wir beim Schreiben an uns selbst glauben sollten

  1. Ich habe mehrere Feedbackrunden: Doe überarbeitete Erstfassung geht an meine Alpha-Leser, die nächste Version an meine Lektorin und das „Fast-Endprodukt“ an meine Testleser (die dann eine bunte Mischung meiner Zielgruppe sind).

    Beim Feedback wäge ich immer ab: Wenn 3 von 10 Lesern den Chara Y durchtbar finden, dann ist das eben so. Wenn ihn alle furchtbar finden, er aber ein Sympathieträger sein soll, dann ist klar, dass da irgendwo der Wurm drinnen ist.

    Man darf aber auf keinen Fall versuchen, es allen recht zu machen: Da kommt man nur in Teufelsküche.

    Bei den Testlesern kommen auch oft ganz witzige Sachen raus: Bei einem älteren Roman von mir hatte ich einen männlichen „Nebenhelden“, sozusagen den Sidekick meiner Protagonistin. Obwohl ich ihn kaum beschrieben habe (nur Augenfarbe, glaub ich) fanden ihn alle LeserINNEN super und attraktiv und meine zwei männlichen Leser konnten ihn nicht ausstehen, weil er „so ein typischer Helden-Schönling“ ist.

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    1. Das mit den unterschiedlichen Feedbackrunden finde ich auch eine gute Sache. Da hat man einfach mehrere Steps, in denen das Manuskript besser werden kann 🙂

      Sowas mit Charakteren kann einem schon mal passieren 😂 Wir sind auch total begeistert davon, wie viele unserer Leserinnen zum Beispiel Dora, die beste Freundin von Julie aus „Geteiltes Blut dot Com“ mögen. Im Prinzip ist sie ja auch nur Nebenfigur, aber fast jeder mag sie. So etwas ist richtig schön, aber man kann es nicht vorhersehen 🙂

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  2. Ich bevorzuge auch mehrere Runden: Erst darf die Alpha-Leserin ran, dann ein oder mehrere Beta-Lesende, und danach ist es dann würdig, dem Verlag oder Fremden vorgestellt zu werden.

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