Manuskripte brauchen Zeit und der Text will atmen

Geteiltes BlutGenau eine Woche ins neue Jahr hinein würde es sich natürlich
anbieten, über gute Vorsätze zu schreiben oder – wie ich zuletzt an der ein oder anderen Stelle gesehen habe – eine ausführliche Erläuterung abzugeben, wieso gute Vorsätze Unsinn sind. Ich habe nichts gegen gute Vorsätze, weder zu Neujahr noch sonst irgendwann (letztes Jahr habe ich sogar einen entsprechenden Post geschrieben), aber diesen Post über sie schreiben will ich trotzdem nicht.

Denn statt der ganzen Vorsätze ist das, was am Ende wirklich zählt, doch die Handlung – im wahren Leben wie in den Büchern, die wir schreiben. Die meisten dürften den viel bemühten Ausdruck „show, don’t tell“ bereits kennen: Ein guter Text erzählt dem Leser nicht, dass der Held mutig, der Antagonist feige, die Heldin furchtlos ist. Stattdessen zeigt er genau das in all den Szenen, die die Handlung ausmachen.

Und während die Charakterisierung der Figuren interessanter und authentischer wird, wenn wir zeigen statt nur zu behaupten, gilt das gleichermaßen für Setting und Stimmung. Ein lebendiger Text passt sich im Erzähl- und Textfluss dem Spannungsbogen an. Settings kann man mit lautmalerischen Verben oder Adjektiven erlebbarer machen und extreme emotionale Zustände der Figuren über Satzbau und Vokabular transportieren.

Wenn ich also doch einen schriftstellerischen Vorsatz für 2017 formulieren sollte, dann wäre es dieser: Über die Fokussierung auf Plot und Spannungsbogen die Sprache nie aus den Augen verlieren. Jede noch so spannungsgeladene Szene wird fad, wenn der Erzählton sich nicht ändert. Und wenn ich daraus einen zweiten Vorsatz ableiten würde: dem Manuskript Zeit geben. Als Leser werden wir immer ungeduldiger, wollen Fortsetzungen lieber gestern als morgen. Aber während ein guter Text sich durchaus auch mal schnell schreiben lässt, braucht ein sehr guter Text oft einfach noch ein bisschen Zeit zum Atmen. Damit man mit zeitlichem Abstand ein letztes Mal überarbeiten kann. Damit noch eine letzte Schicht dem Text den letzten Schliff gibt. Oder auch einfach nur, weil die besten, die abwegigsten Ideen sich nicht hetzen lassen.

Alena


3 Gedanken zu “Manuskripte brauchen Zeit und der Text will atmen

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